Von Jan Molitor

Der Stellvertretende Oberbefehlshaber der amerikanischen Luftwaffe in Europa hatte Vertreter der deutschen Presse eingeladen, das Depot in Erding und den Düsenjäger-Flugplatz in Fürstenfeldbruck zu besuchen,

Wir starteten in Wiesbaden, wo sich das Hauptquartier des Generals Landon befindet, und da die Reise im Flugzeug vor sich ging, dauerte sie nur einen Tag. Es war eine sehr überraschende und eine sehr beruhigende Reise.

Früh am Morgen, als sich im Wiesbadener Kurhaus die Gäste und die Gastgeber versammelten, da schon erkannte der geübte Blick, daß nicht nur unter den Amerikanern, sondern auch unter den Deutschen die kampferprobten. Flieger in der Mehrzahl waren. Nicht nur, daß man auf deutscher Seite ein paar alte Ledermäntel wiedersah; man sah hüben und drüben Typen, von denen es in jenem Jargon, den wir seit sieben Jahren nicht mehr sprechen, hieß: sie vertrügen jede Menge Eisen in der Luft. Diese Männer schüttelten sich die Hand und sagten "How do you do... How do you do", und dann kriegte jeder, ob Sieger oder Besiegter, einen Pappzettel an den Mantelaufschlag geheftet mit der weithin lesbaren Inschrift, wes’ Name der Betreffende sei und welche Zeitung beziehungsweise welchen amerikanischen Stab er vertrete. Wir gingen also umher und lasen uns gegenseitig und freuten uns, welche Ordnung hier herrschte. Später, auf den Plätzen von Erding und Fürstenfeldbruck, gaben wir die Mäntel in der Garderobe ab und waren unleserlich wie zuvor. Die Sache mit den Zetteln hatte also wenig Sinn gehabt. ‚Nun ja, das Militär‘, lächelten einige. Als das Flugzeug in Erding landete, setzte die Maschine ein bißchen zu hart bei der Landung auf, fast unmerkbar, doch immerhin: da guckten wir uns bedeutsam an; auf diesen Moment hatten wir ja seit Wiesbaden gewartet. Nebenan landete voller Gäste eine zweite Maschine mit General Landon, dem Stellvertretenden Oberbefehlshaber der United States Air Forces in Europe am Steuerknüppel. Wir guckten scharf hin; weiß man doch, wie Generäle fliegen! Nein, es war eine Landung ... "sauber, sauber, Butter, Butter!" – Abends, beim Rückflug von Fürstenfeldbruck, sagte die Besatzung zu den deutschen Gästen, die fachmännisch in die Kanzel hineinschauten: "Wollt ihr mal fliegen?", und so flog die Presse die Presse nach Wiesbaden. Wem dies romantisch scheint, dem sei mitgeteilt: Oben leuchteten ja auch die Sterne, Silberwölklein flogen. In Wiesbaden angekommen, sagten wir alle zu einander, egal ob General, ob Leutnant, ob Militär-Kaplan, ob Journalist: ‚See you again ...‘

Für solche Leser, die nicht bei der Luftwaffe, sondern bei anderen Truppenteilen waren, mal herhören! Also: Erding und Fürstenfeldbruck – beides im weiteren Umkreis von München gelegen – waren schon Flugplätze zur Zeit der deutschen Fliegerei. Wir wollen mal ein amerikanisches Flieger-Aß reden lassen: den Commander des Düsenjäger-Geschwaders von Fürstenfeldbruck, den Oberst Scott, der nicht bloß ein berühmter Flieger ist, sondern der Autor eines demnächst auch in deutscher Sprache erscheinenden Buches "God is my con-pilot". Er stand schlank wie einst ein deutscher Comodore, bloß nicht so steif, sondern ganz leger auf einem kleinen Podium und sagte: "Es ist ein Jammer, daß wir nicht gleich im Jahre 1945 begriffen haben, daß die Gefahr der Bolschewismus ist." Und: "Dieser Flugplatz Fürstenfeldbruck, auf dem so viele deutsche Flieger-Asse gewirkt haben, war ein Stolz der deutschen Luftwaffe. Er ist auch unser Stolz." Und: "Das wird mal der feinste Tag meines Lebens sein, wenn ich einem deutschen Oberst diesen großartigen Platz wieder übergebe."

Die deutschen Gäste – schlug ihnen da das Feuer aus den stahlblauen Augen? Nee, sie schrieben bloß alles auf und stellten ihre Fragen, an deren Beantwortung sich auch General Landon beteiligte, der wie ein jüngerer Bruder Eisenhowers aussieht und der übrigens schon deshalb gern Deutsch spricht, weil er ein Neffe der weltberühmten deutschen Koloratursängerin Frieda Hempel ist. Die Fragen waren ziemlich unbekümmert (da man schon unter Fliegern war), aber die Antworten waren sehr prägnant. – "Was bedeuten die Gerüchte, daß dies Ge- – schwader nach Frankreich oder England verlegt werden soll?" – "Nichts", sagte Landon. "Wir sind hier und wir bleiben hier." – "Wäre dies Geschwader ‚im Ernstfalle‘ sofort einsatzbereit?" – Landon: "Oh, das will ich stark hoffen. Sonst wäre wohl Oberst Scott hier nicht mehr Kommandeur." – "Welche Idee haben die amerikanischen Flieger von einer möglichen Zusammenarbeit mit deutschen Fliegern?" – Landon zuckte keinen Augenblick zurück und sagte: "Sobald der Deutschland-Vertrag ratifiziert ist, werden wir sehen, welche Pläne die Deutschen haben." – Aber der Fragende ließ nicht nach: "Würden Sie gern alte deutsche Luftwaffenangehörige wieder aktiv sehen?" – Landon: "Gern! Ich bin ziemlich sicher, daß das frühere Personal der Luftwaffe den Kern der künftigen deutschen Luftwaffe bilden wird." – "Würde die amerikanische Fliegerei bei alledem helfen?" – "Wir werden sicher helfen, wenn die Deutschen es wünschen." In diesem Augenblick schlugen die donnernden, pfeifenden Geräusche einer dahinbrausenden Düsenjäger-Staffel durch die Wände des Kasinos. War dies auch sehr störend, so war es doch auch sehr beruhigend; Und als der Donner verstummt war, sagte Landon noch: "Fliegen ist eine Angelegenheit der jungen Leute. Aber immer werden die jungen Flieger von den älteren Fliegern ausgebildet."

Draußen, vor den Gebäuden, fand bald darauf eine Ehrung statt, von der ich trotz scharfen Nachdenkens nicht weiß, ob ein ähnlicher Festakt auch bei der deutschen Luftwaffe denkbar sei. – Ein Podium, rundum amerikanische und deutsche Fahnen. Eine Ehrenabteilung amerikanischer Flieger, deren zackiger Anblick manchem preußischen Feldwebel das Herz hätte höher schlagen lassen. Auf dem Podium der deutsche Arbeiter Josef Ebner, neben ihm sitzend seine junge Frau, ein reizendes Kind in ihren Armen. – Diesem Josef Ebner hielten der General und der Oberst eine Ansprache, dann hatte der Josef plötzlich ein Dokument in der Hand, eine hohe Auszeichnung. Die Vorgeschichte ist großartig, ist rührend ... aber ist sie nicht auch ein bißchen grotesk?