Von Evelyn Waugh

Das letzte Wort beim Film in Deutschland hat heute der Verleiher; aber auch wer die finanzielle Bürgschaft übernimmt, hat Einfluß auf die Stoffauswahl und Gestaltung eines neuen Films. Es ist eine lange Kette derer, die hineinzureden haben. Am wenigsten hat der Filmdichter zu sagen, besonders wenn er wirklich einer ist. In dieser Situation erscheint es uns wichtig, Evelyn Waugh über Hollywood zu hören, den Dichter, der das Verfilmungsrecht für eines seiner bekanntesten Werke, "Wiedersehen mit Brideshead", nicht gab, weil man ihm das volle Einspruchsrecht für den künftigen Film versagte. Der nachstehende Aufsatz enthält die Auseinandersetzung des Dichters mit der amerikanischen Filmmetropole, in der er sich nur vierzehn Tage lang aufhielt und die ihm den Stoff zu seiner Satire "Tod in Hollywood" gab.

Vierzehn Tage genügen, tun den Charakter dieser abgelegenen Filmgemeinschaft zu beurteilen. In diesen nie flackernden Lichtfluten gibt es keine Geheimnisse, und es gibt keine Zwischentöne, an die das Ohr des Fremden sich gewöhnen muß. Alles ist laut, klar und prosaisch. Selbst in Südkalifornien ist die Filmgemeinschaft ein Volk für sich. Sie leben wie Affen in einer Wüstenoase; ihr Leben dreht sich um einige Heiligtümer – ein halbes Dutzend riesiger Studios, zwei Hotels, ein Restaurant; ihre Evangelien sind ihre eigene Propaganda und das lokale Zeitungsgewäsch. Die einzigen Fremden, denen sie jemals begegneten, kamen, um ihr Glück zu machen; Emigranten aus Mitteleuropa, dienen der ortsübliche Komfort, der Überfluß und die Ungezwungenheit, gesehen gegen den Hintergrund der Konzentrationslager, als höchste Güter erschienen, und schlaue Renegaten aus dem Orient, die wissen, daß Schmeichelei der erste Schritt zum Erfolg ist.

Jeder fühlt sich von dem leisesten Geflüster einer Kritik in seiner eigenen Sicherheit bedroht. Woanders leben Künstler und Menschen des öffentlichen Lebens unter einem Geprassel von Verleumdung und Gespött; sie müssen; sich damit als zu ihrem Beruf gehörig abfinden. Nicht so in Hollywood, wo alles ein unermüdlicher Lobgesang auf sich selbst ist.

Stadt und Menschen haben das Aussehen Alexandriens zur Zeit Philons; so, denkt man in den allerersten Tagen, müßte das Leben in der großen Zeit des Museion gewesen sein; so müßten sich die Künstler irgendwie überall zurückziehen, wenn die Kultur unser Jahrhundert überleben soll. Aber das sind Flausen. In Wirklichkeit liegen die Dinge anders. Die Zurückgezogenheit dieser Einsiedler ist durchaus einseitig. Sie leben für die und von der Außenwelt, von der sie nichts aus erster Hand wissen und deren Bedürfnisse sie nach groben Statistiken beurteilen.

Für die Herstellung eines Films sind drei Gruppen verantwortlich: die Techniker, die Schauspieler und die Drehbuchautoren. Alle drei hat der Produktionsleiter auf dem Gewissen.

Am wenigsten Schuld haben die Techniker. Sie sind es, die aus dem Studio den riesigen, bezaubernden Spielzeugladen machen, der das Entzücken der Zuschauer bildet. Doch in zweifacher Hinsicht trifft die Schuld die Techniker. Es ist ihr Fehler, daß sich die Studios hier befinden, 3000 Meilen vom internationalen Theaterzentrum New York und 6000 Meilen von den geistigen Zentren London und Paris entfernt. Sie kamen hierher, weil sie in der Frühzeit des Films Sonne brauchten. Heute verwendet man für die Aufnahmen fast ausschließlich Kunstlicht. Die Sonne aber entnervt und macht dumm. Allmählich wurde die Sache zu schwer, um verlagert zu werden. Vor zwanzig Jahren fing der Stummfilm gerade an, sich zur Kunst zu entwickeln, da geriet er durch die Tontechnik wieder in die Kinderschuhe. Jetzt ist der Farbfilm die hemmende Umwälzung. Und bald werden wir irgendwelche Tricks für den plastischen Film haben. Der als "Fortschrittler" verschriene Charlie Chaplin ist in Hollywood der einzige echt künstlerische Konservative. Die anderen gönnen sich keine Zeit, mit ihrem Material in Ruhe umzugehen. Die Techniker sind fast anonym. Der ganze Propaganda-Apparat dient fast ausschließlich dazu, einige wenige Schauspieler prominent zu machen. Sie beherrschen die Einbildungskraft der Massen und reizen die Neugierde des Zuschauers.