Der katholische Philosoph der Universität Münster, Prof. Dr. Pieper, schildert seinen Eindruck von einer Massenveranstaltung am "Tage der Citizenship" in New York.

schon eine Woche vorher, bei der ersten Fahrt mit der Untergrundbahn, hatte ich mir von einem romantisch-heroischen Plakat den Termin notiert: Sonntag, 14. September, nachmittags 14,30 Uhr in der Mall des Central Park. Meine amerikanischen Freunde freilich hatten abgeraten. Berufsmäßige Über-Patrioten würden nationalistische Reden gegen die kommunistische Gefahr halten; es lohne sich nicht zuzuhören. Aber gerade dies interessierte mich. Natürlich war mir nicht der Beiklang der Beunruhigung in solchen freundschaftlichen Warnungen entgangen: Warum mußte ich mir nun wieder etwas so Fragwürdiges ansehen – nachdem ich schon nicht davon abzubringen gewesen war, den Samstagnachmittag zuvor in Coney-Island, dem Luna-Park New Yorks, mit "ethnologischen" Studien zu verbringen!

Wir fanden, eine Viertelstunde vor Beginn, gerade noch in den letzten Stuhlreihen Platz; es waren an die hunderttausend Menschen zu dieser Versammlung im Freien erschienen. Von der Tribüne leuchtete weithin die riesige Inschrift: I am an American. Nach zehn Minuten fragte mich mein Begleiter, ein junger Publizist, mit unverhohlenem Spott: Das alles finden Sie nun ‚typisch amerikanisch‘? – Doch, einiges scheine mir "typisch amerikanisch" zu sein. – Was zum Beispiel? – Zum Beispiel, daß eine Veranstaltung dieser Art mit einem Gebet eröffnet werde; so etwas sei in Europa unvorstellbar. Ob ich – es denn unangemessen finde, daß bei solcher Gelegenheit gebetet werde? – Nein, keineswegs.

Tatsächlich habe ich es schon bei meiner ersten Amerikareise immer wieder soverwunderlich wie bewundernswert gefunden, daß dieses Volk, trotz seiner hundert Sekten, gemeinsam zu beten fähig ist, und das auf eine Weise, die jeden miteinbezieht und niemanden verletzt. Wir Europäer können uns angesichts solcher "Publizität der Innerlichkeit" eines tiefen Unbehagens und eines ebenso tiefen Mißtrauens kaum erwehren; und wenn wir Eisenhower seine Wahlkampagne mit einem Gebet eröffnen sehen, so scheint uns solche Vermengung der Kategorien geradezu blasphemisch. Dennoch glaube ich, daß, mag das einzelne noch so oft anfechtbar sein, der Amerikaner hier prinzipiell im Recht ist, wenn er sich bemüht, die Bereiche des Religiösen und des Politischen nicht gegeneinander zu isolieren. – Doch wollte ich ja berichten über die Feier des Citizenship Day in New York. Sie wurde eröffnet durch den Jesuiten F. Gannon, den früheren Präsidenten der New Yorker Fordham University, einer der angesehensten katholischen Universitäten Amerikas; er sprach zugleich als Stellvertreter des Kardinals Spellman. Seine invocation war ebenso kurz wie wohlgeformt und gehaltreich: Dank an Gott für das Privileg, in einem freien, sich selbst regierenden Volke zu leben, verbunden mit der Bitte, Amerika möge fähig sein, diese Vorteile so zu nutzen, daß sie der ganzen Menschheit zugute kommen, und daß "alle Dich, Gott, erkennen als die wahre Quelle aller Freiheit. Amen." Eine klare, nüchterne, ernste, würdige Äußerung.

Was sonst noch mir "typisch amerikanisch" zu sein scheine? (Diese Amerikaner sind manchmal sehr besorgt um den Eindruck, den sie machen. Oder wird hier einfach ein Europäer interviewt?). – Nun, etwas "Typisches", etwas für unser Empfinden jedenfalls Seltsames, sei die unbedenkliche Mischung von höchst verschiedenartigen Elementen. – Die Veranstaltung war sozusagen zweisträhnig, und beide Strähnen, wiewohl eng ineinandergeflochten, hatten nicht eben viel miteinander zu tun. Zum einen Teil handelte es sich einfachhin um Unterhaltung, die auch schlicht als entertainment deklariert war. Das Programm, übrigens gedruckt throught courtesy of the Coca-Cola-Company, verzeichnet an die fünfzig Namen von Sängern und Schauspielern, neben Ezio Pinza, dem großartigen Bariton der Metropolitan Opera, die beliebtesten Stars der Broadway-Musicals und sogar der Night-Clubs. Und man bekam neben dem noch immer florierenden Schlager "Sing Hallelujah" und der Rigoletto-Arie von den trügerischen Weiberherzen mehr oder weniger geratene Anekdoten aller Gattungen zu hören, freilich auch das ausgezeichnet gesprochene How do I love Thee aus den Portugiesischen Sonetten der Elizabeth Barret-Browning.

"Halten Sie dies nun für völlig verrückt"? – "Für ein bißchen verrückt schon. Immerhin, solange man nicht auf das Niveau der bloßen Massenbelustigung heruntergeht und solange man demagogische Aufputschung vermeidet, ist es vielleicht so übel nicht, auf solche Weise sich der Aufmerksamkeit der Vielen zu versichern."

Immer wieder wurde umgeschaltet auf die andere, die "ernstere" Strähne. – Es wurden nicht eigentlich Reden gehalten; niemand sprach länger als sieben Minuten. Und die Befürchtungen meiner Freunde erwiesen sich als unbegründet: es gab keine einzige "über-patriotische" Äußerung. Natürlich wurde mancherlei gesagt zum Ruhme dieses "wundervollsten Landes der Welt". Doch der Sinn all dieser kurzen Reden war: die soeben wahlfähig gewordene Jugend sowie die im letzten Jahr naturalisierten Mitbürger zu begrüßen. Tatsächlich wurden im Publikum die verschiedensten Sprachen gesprochen, auch die deutsche. Und diese neuen Amerikaner fanden sich auf wirklich ermutigende Weise willkommen geheißen: Wir brauchen euch, weil ihr auch anderes kennt als Amerika; aber nun sind wir in einem Boot; laßt uns zusammenwirken, damit die Freiheit in der Welt nicht untergeht: jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes.

Ich bin sehr nachdenklich nach Hause gegangen: es mag einer sich nicht darüber täuschen, daß in dem "Lande der Freiheit" nicht alles eitel Freiheit ist; es mag einer vielleicht von Herzen abgeneigt sein, je dort zu leben – dennoch mag er sich, nicht ohne einen neidischen Blick nach "drüben", fragen, wann die Deutschen es wohl fertig bringen werden, über den Unterschied der Konfessionen und der Parteien hinweg (noch ganz abgesehen vom Eisernen Vorhang) auf solche Weise, sich des ihnen allen Gemeinsamen zu versichern – so ins Breite wirkend einerseits, so sehr anderseits die letzten und tiefsten Fundamente bedenkend; Josef Pieper