Von Alfred Prügel

In den Morgenstunden des 21. Oktober 1803 erschien auf dem Polizeibureau des 5. Arrondissements von Paris, an der Place du Pantheon, eine Frau in mittleren Jahren und verlangte aufgeregt den diensttuenden Kommissär zu sprechen. Dieser fuhr indessen ungestört in der Lektüre des "Moniteur" fort. "Also will Bonaparte den Sprung über den Kanal wagen", murmelte er stirnrunzelnd und schob einen Käsewürfel in den Mund, um ihn dann mit einem Schluck Rotwein hinunterzuspülen. Erst als er hörte, wie draußendie Frau erklärte, sie werde sich beim Polizeipräfekten persönlich beschweren, schob er Glas und Teller beiseite und gebot, die Zeternde endlich vorzulassen.

Von ihrer Aussage wurde nachher ein Protokoll zu den Akten genommen, so daß ein "Vorgang" entstand, derin den Dienstweg kam:

Ich bin Madame Vauronne. Ich wohne in der Rue Soufflot. Mein Mann, Offizier im Ingenieurkorps, fiel in der Schlacht bei Marengo. Um meinen drei unmündigen Kindern eine standesgemäße Erziehung zu geben, bin ich gezwungen, einige Zimmer meiner Wohnung an durchreisende Fremde zu vermieten.

Vor einigen Tagen sprachen zwei junge Herren bei mir vor. Sie kamen aus Genf und waren Untertanen des Königs von Preußen. Der eine von ihnen, ein Monsieur de Pfuel, sprach ein elegantes Französisch. Der andere war ein untersetzter Mann mit einem runden Kopf, das Haar über der Stirn abgeschnitten. Er hatte eine merkwürdige Art zu sprechen und die Worte hinzustammeln. Und einen Blick wie einer, der sich verfolgt glaubt.

Der Zufall wollte es, daß ich nur ein Zimmer frei hatte, und da Monsieur de Pfuel zurücktrat, nahm ich den andern. Ich wies ihm sein Logis an und rief die Magd, daß sie für seine Bequemlichkeit sorge. Er folgte mir wie ein Schlafwandelnder. Nichts schien ihn zu interessieren, kaum daß er einen Blick auf die Möbel warf. Er trat zum Fenster und schaute hinüber auf die Kuppel des Pantheon, und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Schmerzes, daß ich unwillkürlich seinem Begleiter ein Zeichen machte. "Mein Herr", fragte ich ihn leise, "Ihr Freund ist leidend?" Er blickte mich überrascht an, dann legte er den Finger auf den Mund und nickte. "Er verdient Ihre Nachsicht, Madame, er ist Dichter." Und ich darauf: "Oh, ein Poet! Er schreibt Verse? Warum ist er dann so düster?" Und er wieder: "Madame, er kämpft, er ringt, er will hier in Paris ein großes Werk vollenden. Ein Werk, das bald die Welt bewundern soll." Und ich: "Ist Dichten eine Krankheit, an der man leidet? Davon wußte man bisher in Paris noch nichts."

Vorgestern abend nun war ich im Odeon. Man gab die "Phaedra". Als ich nach Hause komme, quillt mir Rauch entgegen. Er dringt aus dem Zimmer des Poeten. Ich vergesse alle Zurückhaltung, die ich mir sonst auferlege, ich reiße die Türe auf. Ich finde eitlen Mann, tränenüberströmt, der stillen Raserei verfallen. "Mon dieu, Sie zünden mir ja mein Haus an, Monsieur!" rufe ich. Er hebt den Kopf, er sieht mich verstört an und stammelt: "Nicht Ihr Haus, Madame! Ihn verbrenne ich, ihn..." "Wen verbrennen Sie, mein Herr?" Und er mit einer verzweifelten Geste zeigt auf einen Stoß beschriebener Blätter. Er nimmt eine Handvoll von ihnen und wirft sie in die Flamme, die, vom Papier halb erstickt, das Zimmer mit beißendem Qualm erfüllt. "Sind Sie wahnsinnig, mein Herr?" fahre ich ihn an. Er murmelt etwas in seiner Sprache, das ich nicht verstehen kann. "Was soll dieser Brand?" Und er, ohne ein Wort zu sagen, wirft schluchzend den Rest der Papiere in die Flammen. "Halten Sie ein, Monsieur!" rufe ich und suche ihm zu wehren; "wenn Ihnen diese Verse mißlungen scheinen, nun gut, so schreiben Sie neue. Größere als Sie haben ihre Schöpfungen verworfen, um sie später durch vollkommenere zu ersetzen." Er wirft mir einen Blick zu, daß ich erschrocken zurückweiche. "Ja, Größere, Madame ..." Er reißt den Mantel vom Haken, den Hut, und – wendet sich zur Tür. "Wohin, Monsieur, mitten in der Nacht?" Er sieht mich an, es ist, als wolle er mir eine Erklärung geben, doch im nächsten Augenblick pressen sich seine Lippen zusammen. Brüsk wendet er sich um und stürzt hinaus. Ich höre ihn die Stiege hinunterpoltern. Aschenflocken schweben durchs Zimmer. Mir stehen Tränen in den Augen, und ich bin mir nicht sicher, ob es nur der Rauch ist. Mein Gott, welch ein Rasender! Und welch ein Land muß dieses Preußen sein, daß seine Dichter so gegen sich selber wüten!