Von Gerhard Händler

Seit in den Jahren um 1828/29 der damalige hannoversche Geschäftsträger beim Vatikan, August Kestner, bei seinen ersten Ausgrabungen in Cornetto eine stattliche Anzahl etruskischer Kunstwerke zutage brachte, ist ein Zeitraum von rund 130 Jahren vergangen. Bürgerlicher Sammeltrieb schuf dann mit den "klassisch" orientierten Kestnerschen Erwerbungen ägyptischer und griechischer Altertümer und den späteren Culemannschen Ankäufen mittelalterlicher Kunstwerke die Voraussetzung für die Museumsgründung des Jahres 1889 in Hannover. 60 Jahre stehen die reichen Schätze vor den Augen der Öffentlichkeit. Die soeben durch den neuen Direktor Dr. Alfred Hentzen durchgeführte Neuordnung hat es zuwege gebracht, daß die altbekannten Objekte dem Beschauer jetzt in einer völlig überraschenden neuen Wirkung entgegentreten. Dabei entsteht trotz der bewußten Beschränkung in der Zahl der ausgestellten Gegenstände der Eindruck eines gesteigerten Reichtums.

Geringfügige bauliche Änderungen, die Schließung von vier lästigen Durchgängen haben um die Treppe im ersten Geschoß einen neuen halbdunklen Ausstellungsraum geschaffen. Hier sind wie in einer Schatzkammer, in indirekt erleuchteten Schaukästen, die in die Wände eingelassen oder frei aufgestellt sind, auf hellgrauen Samt gebettet, mittelalterlich-abendländische Kostbarkeiten zu sehen: vergoldete Bronzen, Email-Arbeiten und Elfenbeinschnitzereien, Kruzifixe, Abendmahlskelche, Reliquienbehälter.

Rings um diesen stillen, den Besucher mit den Kleinodien des Museums empfangenden Bezirk durchwandelt man die Folge der ägyptischen, vorderasiatischen, cyprischen, etruskischen, der griechischen und römischen, der spätantiken und frühchristlichen Kulturkreise. Das Obergeschoß ist Werken vom späten Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vorbehalten.

Diese Gliederung nach Epochen und Kulturen bildet die Grundlage der gesamten Neuordnung. Innerhalb ihres Rahmens hat der nicht nur inhalts- und zusammenhangsmäßig richtige, sondern auch auf die Wirkung berechnete Placierung den Objekten neues Leben gegeben. Daß bei dem Wechsel der Maßstäbe und der Materien, bei der verschieden dichten Aufstellung und dem wechselnden Appell an das optische, das plastischhaptische und das räumliche Auffassungsvermögen nie ein Zuviel an Zumutung empfunden wird, daß diese "Sprünge" vom Großen zum Kleinen, von der Nahsicht zur Distanzsicht nicht das Gefühl für die Zusammengehörigkeit der Dinge zerreißen, sondern im Gegenteil die schöpferische Spannweite der einzelnen Epochen und Kulturen ermessen helfen, zeigt die Natürlichkeit und Richtigkeit der Ordnungs- und Aufstellungsprinzipien. Hier sind nicht Raffinesse und Klügeleien am Werk gewesen, wohl aber feiner künstlerischer Takt, Gefühl für das Angemessene, und Notwendige, Wissen um die Psychologie des Betrachters. Der behutsam geleitete Beschauer genießt so die Schlichtheit wie die Kostbarkeit der Kunstwerke, erfaßt den ihnen innewohnenden künstlerischen Wert, sieht und entdeckt "neu", ohne durch ein Zuviel oder durch eine tötende gleichmäßige Reihung zu ermüden. Denn nun ist alles in wortwörtlichem und übertragenem Sinne in das "richtige Licht" gerückt.

Über weite Zeitabschnitte und Räume gibt das Museum, das schon in der Anlage der bürgerlichen Grundsammlungen überlokal orientiert war, eine universale Schau abendländischer und morgenländischer Kulturentwicklung. Die neue auf künstlerische Qualität, kulturelle und geistige Bedeutsamkeit gestellte Auswahl hat manches, was früher allzu verwirrend und ermüdend außerdem zu sehen war, in eine im Dachgeschoß untergebrachte Studiensammlung verlegt, die jederzeit zugänglich ist. Beispiele aus den Sammlungen von Inkunabeln, des Buchdrucks, der mittelalterlichen Handschriften und Autographen und der Münzsammlungen wurden in die Schausammlung organisch eingefügt. Wechselnde Ausstellungen werden das vielfältige Material, auch das des Graphischen Kabinetts, auswerten.