Jede Vorsorge erfordert Konsumverzicht, ganz gleich für welchen Bedarf vorgesorgt werden soll. Ist der Zeitpunkt im voraus bekannt, zu dem der Bedarf eintritt, so reiche schrittweise Vermögensbildung durch Sparen aus. Ist dieser Zeitpunkt nicht bekannt – wie bei Tod, Berufsunfähigkeit u. ä., die gerade einen besonders dringenden Bedarf auslösen –, so genügt das übliche Sparen nicht mehr: an seine Stelle tritt die Versicherung. Sie leistet beides: Versicherungsschutz, d. n. Deckung des entstehenden wirtschaftlichen Bedarfs, und die individuelle, schrittweise erfolgende Vermögensbildung.

Gegenwärtig wird von bestimmter Seite gegen diese Grundgedanken jeder wirtschaftlichen Vorsorge, nämlich Konsumverzicht und individuelle, schrittweise erfolgende Vermögensbildung, Sturm gelaufen. Diese individuelle Vermögensbildung, so heißt es, sei unsicher und teuer; das Ziel ließe sich einfacher anders erreichen, nämlich im Wege eines organisatorischen Zusammenschlusses von Personen, die sich verpflichten, durch eine Umlage den Bedarf, der bei einem ihrer Mitglieder auftritt, zu decken. Die Formen sind äußerst mannigfaltig: Einmal ist es ein Klub oder Verein, der seinen Mitgliedern ein Sterbegeld zahlen will; ein anderes Mal ist es die Unterstützungskasse einer regionalen Interessentengruppe; im größeren Maßstab ist es ein Berufsstand, der seinen Angehörigen eine Altersversorgung sichern will, oder schließlich ist es sogar ein so großer Kreis wie der, der durch Gesetz in der Sozialversicherung zusammengeschlossen ist.

Auch dieser Weg verlangt Konsumverzicht; denn er fordert die jeweils nötige Umlage von den Mitgliedern. Jedoch wird hier für diesen Konsumverzicht keine individuelle, schrittweise erfolgende Vermögensbildung geboten, sondern – da ja der Konsumverzicht der Mitglieder im Wege der Umlage dem Konsum des bedürftigen Mitgliedes zugeleitet wird – nur das Versprechen des Vereins oder der Organisation, dasselbe zu leisten, wenn dem Mitglied, das heute die Umlage bezahlt, später einmal dasselbe passieren sollte. Aus dem Anspruch auf ein bestimmtes Vermögen wird also ein Anspruch an eine Organisation, deren einziges Aktivum aus ihren Mitgliedern und deren Fähigkeit besteht, die erforderliche Umlage zu leisten. Und wo man in die Bereitwilligkeit der Mitglieder zu diesem nach Termin und Höhe ungewissen Konsumverzicht etwa Zweifel setzt, ruft man den Zwang zur Hilfe. Auf jeden Fall aber muß das Mitglied mindestens auf Freizügigkeit verzichten, denn sein Austritt aus der Organisation bedeutet für ihn in aller Regel den Verlust dieses Anspruches.

Doch kommen wir auf die Hauptargumente zurück: Dieser Weg sei sicherer und billiger, so heißt es. – Die Sicherheit hängt nun aber von der Existenz der Organisation und der Zahl ihrer Mitglieder ab. Die Geschichte der beiden letzten Jahrzehnte spricht eine deutliche Sprache: Organisationen kommen und gehen. Sollte aber eine Organisation tatsächlich bestehenbleiben, wie ist es dann mit der Zahl der Mitglieder, auf die eine Umlage verteilt werden kann? Fast jeder hat schon bei Vereinen seine Beobachtungen gemacht: Zunächst gibt es nur aktive Mitglieder; allmählich wächst die Zahl der "alten Herren", und man fängt an, von der notwendigen Verjüngung und dem Nachwuchs zu sprechen; meist bleibt es aber dabei – es wird langsam und sicher ein "Altherren-Klub" .. Im großen ist dies nicht anders als im kleinen. Die Überalterung eines Berufsstandes, ja, eines ganzen Volkes, ist das Ergebnis der sich kumulierenden Wirkung zweier Kriege und der ungeahnten Verbesserung der Sterblichkeitsverhältnisse vor allem in den sehr hohen Altersklassen. Kamen 1910 auf 100 Arbeitsfähige (das sind die 20- bis unter 65jährigen) neun bis zehn nicht mehr Erwerbsfähige (das sind die 65jährigen und darüber), so waren es bei der Volkszählung 1950 in der Bundesrepublik bereits 14 bis 15, d. h. um die Hälfte mehr. Dieser Satz steigt unerbittlich weiter: Für 1960 wird er bereits auf 16 bis 17 geschätzt, für 1980 sogar auf wesentlich über 20. Dies ist gar nicht einmal sehr erstaunlich; denn selbst nach den Sterblichkeitsverhältnissen der Jahre 1924/26 ist schon bei einer sog. stationären Bevölkerungsentwicklung mit einem Satz um 20 v. H. zu rechnen.

Für die Mitgliederzahl einer Personengruppe, die in ihrem Aufbau der Gesamtbevölkerung ähnelt – und welche größere Gruppe tut dies auf die Dauer nicht? –, bedeutet dies, daß die Zahl der Mitglieder, die eine Umlage bezahlen können, ständig kleiner wird, und die Zahl der älteren Mitglieder, denen etwas bezahlt werden soll, ständig zunimmt. Beides zusammen steigert die Umlage; der Anreiz, der Organisation treu zu bleiben, sinkt, und das Interesse, ihr neu beizutreten, schwindet dahin. Und was den letzten geschieht, sagt bereits das Sprichwort ... Wird der Verein oder die Organisation mit anderen fusioniert oder ist die Zugehörigkeit zur Organisation nicht freiwillig (wie bei einem Verein), sondern erzwungen, so kann das Tempo dieses Prozesses zwar verlangsamt, aber der Prozeß selbst, wie die Geschichte der Beiträge zur Sozialversicherung zeigt, nicht geändert werden. So betrug ursprünglich der Beitrag zur Invalidenversicherung 5 v. H. des Lohnes; 1933 wurde berechnet, daß er 1940 bereits 8,1 v. H., 1950: 10,3 v. H., 1965: 13,0 v. H. und 1975: 15,1 v. H. der Löhne betragen müßte. Tatsächlich ist der wirkliche Verlauf bis heute – aus vielen Gründen – ungünstiger gewesen: z. Z. beträgt er (und wie lange noch?) bereits etwa 18 v. H., wovon Arbeitnehmer, Arbeitgeber und die öffentliche Hand (etwa) zu gleichen Teilen beitragen.

Das Argument "sicher" ist daher unsicher, was das einzige Aktivum jeder Organisation betrifft, und so ergibt sich die unbeantwortbare Gegenfrage: "Wird dann, wenn ein Bedarf bei denen entsteht, die heute durch Konsumverzicht zur Umlage beitragen, die notwendige Zahl der Mitglieder noch vorhanden sein?"

Das zweite Argument ist, daß die Umlage billiger ist. Zunächst ist sie das ohne Zweifel. Aber schon die obigen Zahlen zeigen die fatale Bedeutung der Einschränkung "zunächst": Das Steigen des Umlagebeitrages ergibt sich unerbittlich aus der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung. Zahlreiche, sehr genaue Berechnungen unter verhältnismäßig günstigen Annahmen, so vor allem bei Berufsgruppen und bei Angehörigen großer Firmen, haben ergeben, daß sich die notwendige Umlage für eine Altersversorgung oft schon in den ersten 10 Jahren verdreifacht und in den späteren Jahrzehnten gegenüber dem Anfangsbeitrag verzehnfacht; der notwendige Gesamtbeitrag, berechnet nach der Technik der Individualversicherung, beträgt zwar zunächst etwa das Zehnfache der Anfangsumlage, fällt aber dann rasch auf weniger als die Hälfte, so daß der Gesamtaufwand niedriger als bei der Umlage wird. Gegen diese Berechnungen wird oft eingewandt, daß sie zu sehr die "vorübergehenden ungünstigen Bevölkerungsverhältnisse" berücksichtigen; wenn sich diese erst stabilisierten, würde dies anders sein. Aber auch dies trifft nicht zu: Selbst im sog. stationären Zustand ist die Umlage immer um zwei- bis dreimal höher als der Beitragsaufwand, der nach der Technik der Individualversicherung berechnet wird. So stark ist nämlich die Zinswirkung, die sich bei der individuellen, schrittweisen Vermögensbildung ergibt und auf die die Umlage ihrer ganzen Struktur nach verzichten muß.