Der verdienstvolle Generaldirektor der Volkswagenwerk GmbH,, Dr.-Ing. e. h. Heinz Nordhoff, unterrichtete am vergangenen Sonnabend die in- und ausländische Presse in Wolfsburg von der Ausstattung aller Wagen des VW-Exportmodelles (also 75 v. H. der Produktion) mit einem Synchrongetriebe und einer Reihe weiterer wertvoller Verbesserungen (siehe "Neue Produktion".) Er benutzte diese Gelegenheit, um unmißverständlich zu einigen aktuellen Fragen Stellung zu nehmen.

Für Heinz Norhoff und die ihm eigene Vitalitat ist Pessimismus ein höchst überflüssiger Begriff. Das kam wieder einmal sehr deutlich zum Ausdruck, als er von den inzwischen überwundenen Materialsorgen sprach, die das Werk im Vorjahr noch arg bedrückten. Auch der Hinweis auf die für das nächste Jahr zu erwartende Steigerung der Tagesproduktion seines Werkes hat sichtlich nichts mit einer pessimistischen Auffassung zu tun, zumal es feststeht, daß die augenblicklich je Tag erzeugten 550 VW die Nachfrage des In- und Auslandes nicht decken können. Erfreulich optimistisch stimmt ferner die Nachricht von der Erhöhung der Belegschaftsziffer: in den letzten sechs Monaten stieg sie um 3000 auf rund 17 000 Mann. An Löhnen und Gehältern erreicht das Werk heute eine Jahressumme von 92,7 Mill. DM; allein die letzte Lohn- und Gehaltserhöhung macht im Jahr 6,4 Mill. aus. Hier mußte allerdings selbst der Optimist Nordhoff zum Pessimisten werden, als er sich mit der Gefahr der zunehmenden Unterbewertung der mit immer größerer Verantwortung belasteten leitenden Männer beschäftigte und es als ein sehr negatives Urteil für die unglückselige westdeutsche Steuerpolitik bezeichnete, wenn die leitenden Männer des Werkes kaum 25 v. H. dessen an Kaufkraft verdienen, was sie 1938 hatten, während erfreulicherweise bei den Arbeitern des Volkswagenwerkes dieser Prozentsatz auf 120 angewachsen ist. Damit schnitt Nordhoff nicht zuletzt das Nachwuchsproblem an und fragte: "Wen will man noch für den Aufstieg begeistern, wenn die Leistung steuerlich bestraft wird? Werden da nicht eindeutige Morgenthau-Ideen aus rein fiskalischen Erwägungen beibehalten?"

Optimist war er aber dann wieder bei der Behandlung der erfolgreichen Rationalisierungsmaßnahmen ("Wir haben den gesamten Arbeits- und Geschäftsverlauf durchgreifend vereinfacht und sind sehr gut damit vorwärtsgekommen, den leidigen Papierkram zu beseitigen. Es wird bei uns in der Produktion fast nichts mehr geschrieben"). Die Erfolge lassen sich durch Zahlen nüchtern beweisen. 1946 bauten 744 Mann 1000 Wagen je Jahr, 1948 waren es noch 434, 1950 nur 147 und in diesem Jahr ist diese Zahl sogar auf 120 Mann gesunken. Der Umsatz je Mann belief sich 1946 auf 6850 RM; 1952 war er auf 39 554 DM gestiegen! Das alles aber – und diese Feststellung von Dr. Nordhoff verdient festgehalten zu Verden – war nur möglich, weil in ‚Wolfsburg 17 000 fleißige, tüchtige und zufriedene Menschen schaffen.

In Wolfsburg wird also gearbeitet, und man findet zufriedene Menschen, die von ihrer Aufgabe erfüllt sind. Nicht zufrieden ist man mit der Verkehrsentwicklung in Deutschland, die wohl zweckmäßiger mit einem Verkehrsdurcheinander bezeichnet werden muß. Dr. Nordhoff startete eine Reihe leider nur zu berechtigter Vorwürfe gegen die offensichtliche Unfähigkeit der in Deutschland für den Verkehr zuständigen Behörden und die ungewöhnlich starke gegenseitige Rücksichtslosigkeit aller Verkehrsteilnehmer-Gruppen: "Der deutsche Straßenverkehr steht an Verworrenheit und Unordnung an der Spitze aller europäischen Länder." Der Mangel an Geschmeidigkeit und das zu langsame Reagieren werden noch durch teilweise völlig antiquierte Verkehrsregelungen und die vollständig überholten Geschwindigkeitsbegrenzungen künstlich erschwert. Erfolg: der langsamste Verkehr aller europäischen Staaten weist die höchsten Unfallziffern auf! Was schlägt Nordhoff zur Abänderung dieser traurigen Superlative vor? Er verlangt eine Begrenzung der Lastzüge nach Länge und Gewicht, die Aufhebung aller Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Erziehung der Verkehrsteilnehmer durch Automobil-Klubs und Verkehrspolizei zur Einhaltung der rechten Straßenseite, die Unterbindung des lebensgefährlichen Qualmens der Dieselfahrzeuge, die Abstellung des oft unerträglichen Lärms im Straßenverkehr, eine Verringerung der den Verkehrsteilnehmer ablenkenden Verkehrs- (Verbots)-Schilder, die Schaffung von rutschfesten Straßen und von ausreichenden Parkplätzen.

Besser heute als morgen sollten sich die Zuständigen in Bonn und in den Ländern daran machen, das dank ihrer Talentlosigkeit geschaffene Durcheinander im deutschen Verkehr schleunigst zu beseitigen. Sie werden die Vorwürfe von Dr. Nordhoff in keinem Punkt entkräften können, und wir meinen, daß seine Anregungen bei einigem guten Willen durchführbar sind. Auf jeden Fall sind durchgreifende Maßnahmen sehr bald erforderlich, wenn man auf den deutschen Straßen das Durcheinander nicht zum Chaos anwachsen lassen will. Willy Wenzke