Als im Oktober 1946 der damalige schwedische Ministerpräsident Per Albin Hansson, der populäre Staatsmann und souveräne Führer der schwedischen Sozialdemokratie, an einem Herzschlag starb, wußte niemand, wer die Nachfolgeschaft des Verstorbenen antreten solle, denn die führende Partei Schwedens verfügte über keinen politischen "Kronprinzen".

Die Überraschung war groß, als die Wahl auf den damaligen Erziehungsminister Tage Erlander fiel. Seine Ernennung war beinahe eine Sensation. Denn niemand wußte diesen Außenseiter richtig einzuschätzen. Er war Sachverständiger und kein Politiker, er war geschätzt, aber nicht populär, er war Akademiker, aber kein Arbeiter. Aber er war jung, und er stand außerhalb der Rivalität der alten Regierühgsmänner. Nach Überwindung einiger Widerstände innerhalb der Parteiausschüsse erfolgte seine Wahl zum Parteivorsitzenden, und damit war seine Ernennung zum Ministerpräsidenten gesichert.

Seine Wahl bedeutete den Sieg der jüngeren Generation, eigentlich der Intellektuellen, über die alten Orthodoxen der Partei. Erlanders politische Grundhaltung kann nicht als marxistisch, sondern eher als sozialliberal bezeichnet werden. Schon in jugendlichen Jahren kam Erlander, Sohn eines Organisten aus Ransäter, der in Lund Volkswirtschaft studiert und sich der radikalen Studentenbewegung angeschlossen hatte, mit der praktischen Sozialpolitik in Berührung. Mit leidenschaftsloser Zähigkeit widmete er sich diesem Spezialgebiet. Mit knapp dreißig Jahren galt er im Reichstag als der Sachverständige in allen volkswirtschaftlichen Fragen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß der Sozialminister Gustav Möller, der seinen politischen Aufstieg förderte und ihn zu seinem Staatssekretär machte später als sein Rivale bei der Wahl des Ministerpräsidenten gegen ihn unterlag.

Als der 51jährige vor sechs Jahren zum ersten Male im Scheinwerferlicht der großen Politik stand, war der allgemeine Eindruck, daß Schweden einen schwachen Ministerpräsidenten bekommen habe. Heute – nach sechs Jahren Tätigkeit als Regierungschef – lautet das Urteil ganz anders. Erlander hat die seltene Kunst des Wartens geübt und Schritt um Schritt durch die Lauterkeit seiner politischen Gesinnung die Sympathien der breiten Schichten gewonnen. Sein natürlicher volkstümlicher Humor ist bei allen beliebt. In Arbeiterkreisen wird er mit einem Anflug von Zärtlichkeit als der "Tage der Sozialdemokraten" bezeichnet. Einfachheit, Sachlichkeit und Loyalität sind seine hervorstechenden Eigenschaften.

Der hochgewachsene Mann mit dem Kopf des Wissenschaftlers führt in einer kleinen Villa im Westen Stockholms das unauffällige Leben eines schlichten Bürgers. Auf der politischen Bühne allerdings sind seine brillante Dialektik und sein Sarkasmus bei den politischen Gegnern sehr gefürchtet. Daß er seinen Ministerkollegen gegenüber immer loyal ist, hat er wiederholte Male gezeigt. Doch läßt er sich bei politischen Entscheidungen nie vom Gefühl bestimmen. Mit Gelassenheit und wissenschaftlicher Gründlichkeit geht er den Problemen zu Leibe, und gerade diese Eigenschaften haben bewirkt, daß er in der sehr schweren Nachkriegszeit das schwedische Staatsschiff sicher durch alle Klippen geführt hat.

Seine Arbeit für eine skandinavische Verteidigungsunion war, eine staatsmännische Leistung, die man nicht so leicht vergessen wird. Während der Verhandlungen setzte er seine ganze Autorität ein, um ein positives Resultat zu erreichen, und als sie dann scheiterten, machte er kein Hehl daraus, daß er den Zusammenbruch als seine persönliche Niederlage betrachtete. Seine Außenpolitik wurde oft auch außerhalb Schwedens kritisiert. Wohl verteidigte Erlander gegen alle Einflüsterungen die Neutralitätspolitik, aber diese Neutralität ist eine bewaffnete Neutralität und nach seinen eigenen Worten anläßlich seines Besuches in den USA ist Schweden zwar politisch, aber nicht ideologisch neutral. Von dieser Grundlinie seiner Außenpolitik weicht er nicht ab. Er hat diesen Standpunkt auch den Sowjets gegenüber während des jüngsten Notenkrieges entschieden zum Ausdruck gebracht. Erlander war es auch, der als einer der ersten Staatsmänner vor Jahren die' alliierte Politik gegenüber Deutschland scharf kritisierte und klar dem Gedanken Ausdruck verlieh, daß ohne ein starkes demokratisches Deutschland kein wirklicher Fortschritt in Europa erzielt werden könne,

Europa braucht keinen Friedensappell, um den Friedenswillen zu erwecken sondern nur ein positives, konkretes Aktionsprogramm – diese Auffassung war immer Ministerpräsident Erlanders innen- und außenpolitische Devise.

Engdahl Thygesen