Wir hörten:

Es ist eine unmenschliche Geschichte, die das Hörspiel "Früher Schnee am Fluß" (im NWDR Hamburg) erzählt. Der Autor könnte sie Berichten über Buchenwald entnommen haben oder über Nordkorea –, aber er stützt sie auf Meldungen, die 1950 aus dem Korea südlich des achtunddreißigsten Breitengrades kamen. Denn der Autor will nicht die anderen anprangern, er will uns aufrütteln: "Wenn diese Welt einmal untergeht, dann geht sie an der Teilnahmslosigkeit der Menschen zugrunde." Heinz Huber ist noch jung –, an so viel Absicht könnte man es beinahe merken; doch das Besondere ist, daß ihn seine Absicht nirgendwo zum Predigen verführt (dazu beherrscht er das Handwerk des Hörspielschreibers bereits zu gut).

"Ich sitze an irgendeinem verdammten Fluß..., halte meine Schreibmaschine auf den Knien und schreibe einen Bericht für die Agentur." Das ist Korea-Korrespondent Stein, der dabei war, als der Leutnant mit dem gelben Porzellangesicht – "Er war beneidenswert überzeugt, auf der Seite des Rechts zu stehen" – die Hinrichtung durchführte. Zwischen dem Tastengeklapper wird dem Korrespondenten immer wieder seine Erinnerung laut... Unter den siebenundzwanzig Delinquenten war eine Frau, ein Freudenmädchen, sie trug ein Kind auf dem Rücken. "Leutnant, ich halte es nicht für richtig, daß Sie Frauen erschießen; das Kind wird sterben." – "Vielleicht, Stein, aber Asien ist groß." Die Frau schrie und schrie, während die Schneewolken in die Täler krochen. Als die Reihe an sie kam, sang sie ein Lied: "Oh, mein Geliebter, warum hast du mich verlassen?" –

Auch "leichte Musik ist ernst zu nehmen". Dieses Wort, das Stuttgarts Intendant Eberhardt zur Eröffnung der "Woche der leichten Musik" prägte, wurde sogleich durch das erste Konzert bestätigt. Da erklang Musik von – Britten, Fortner, Strawinsky und Honegger, deren Namen manchem Hörer sonst manches Gruseln verursachten. Auch hier moderne Musik –, doch sozusagen für das unkomplizierte Ohr geschrieben: nämlich tänzerisch beschwingt, in volkstümlicher Melodik, voll Charme und Esprit. Ob es nun Honeggers temperamentvoller Jour de fête suisse oder Strawinskys elegant-groteske Zirkuspolka war, ob die Stuttgarter Sinfoniker (unter Hans Müller-Kray) ihre Spiellaune an den schwäbischen Volkstänzen Fortners bewiesen –, es muß sogar sehr viele gegeben haben, die bei dem Konzert Abbitte taten... Es muß sogar sehr viele dieser Reuigen gegeben haben, denn zwölf europäische Sender hatten sich in die Eröffnung der "Woche" eingeschaltet.

Wir werden hören:

Donnerstag, 16. Oktober, 20.00 aus Frankfurt: Die Ansage ist ein Sorgenkind des Funks. Wie der NWDR – hier führt jeweils ein Redakteur den Hörer durch das gesamte Abendprogramm, so daß die Ansage abwechslungsreich und persönlich wird –, so dachte sich auch der Hessische Rundfunk etwas Neues aus, um den Hörer anzusprechen: den Ansager-Wettbewerb. Zwischen "Lieblingsmelodien" werden sich die Sprecher vorstellen, und wir können wählen, wie wir’s am liebsten hätten.

23.00 von Stuttgart: Die Deutsch-britische Woche bringt: "Die Elfenkönigin", eine Oper nach Shakespeares "Sommernachtstraum" – mit einer Musik; schelmisch wie der Puck und romantisch, leichtfüßig wie die Elfen. Henry Purcell, der Orpheus Britanniens, schrieb sie; dieser Barockkomponist dominiert in der englischen Musik ähnlich wie bei uns Bach. Die selten gespielte Oper – deren Partitur übrigens zweihundert Jahre, bis 1903, verschollen war – wird unter Constant Lambert durch Philharmonie und Chor der BBC aufgeführt.