IV. Der Mensch wird Herr über Natur und Tiere / Von Morus

Der Mensch ist, rein anatomisch gesehen, schlechter ausgerüstet für den "Kampf ums Dasein" als die Säugetiere. Wie konnte er sich trotzdem behaupten? Was ist, naturwissenschaftlich, das "Übertierische" an ihm? Morus beantwortet in dem Kapitel über die Abstammung des Menschen, das wir heute beschließen, auch diese Fragen und zeigt, wie der Mensch zum einzigen Lebewesen wird, das sich der Natur bemächtigen kann. Ihm werden dann auch die Tiere Untertan – aber davon erzählt Morus erst in den späteren Kapiteln seines Buches "Die Geschichte der Tiere", das demnächst bei Rowohlt erscheint.

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Die einzige Überlegenheit des Menschen bestand in jener merkwürdigen gallertartigen, grauweißen Masse, die man Gehirn nennt. Wie es bei den ersten Exemplaren des Übertiers wirklich beschaffen war, wissen wir nicht. Man hat aus dem Schädelbau auf das Gehirngewicht, aus den Resten des Skeletts auf das Körpergewicht geschlossen und aus dem Vergleich der beiden Größen auf die Intelligenz. Bei den heutigen erwachsenen Menschen steht das Gehirngewicht zum Körpergewicht ungefähr im Verhältnis 1:50, beim Gorilla ist es 1:200, bei kleineren Anthropoiden 1:90, für den Pithecanthropus erectus von Java hat man 1:70 errechnet. Das ist scheinbar eine sehr aufschlußreiche Skala. Aber auch der Gehirnindex – das Steckenpferd der Anthropologen des vorigen Jahrhunderts – hat seine Tücken. Bei den Vögeln, die sich nicht eben durch übermäßige Intelligenz auszeichnen, ist das Verhältnis 1:35 günstiger als beim Menschen, bei den Neugeborenen der Gattung Homo sapiens (1:6) achtmal so groß wie beim Erwachsenen. Immerhin kann man vermerken, daß die primitivsten Werkzeugmacher in ihrer Schädelhöhle schon Platz für ein Gehirn von annähernd 1000 Kubikzentimeter hatten, während die Schimpansen sich mit 600 Kubikzentimetern begnügen müssen.

Indes, schon in den Anfängen der Menschheit kam es nicht nur auf die Quantität, sondern auf die Qualität an. Der entscheidende Schritt, derden Übergang vom Tier zum Menschen kennzeichnet, besteht darin, daß ein Lebewesen gleichsam über seinen Körper hinauswächst. Es vervollkommnet nicht nur seine körperlichen Fähigkeiten, sondern indem es Werkzeuge benutzt, bezieht es gewissermaßen Gegenstände außerhalb seines Körpers in seine Körpersphäre ein. Es verlangen seinen Arm, es vervielfacht seine Muskelkraft, es verschafft sich Nägel, die schneidender sind als die schärfsten Krallen eines Tieres.

Der Gebrauch dieser Prothesen hinterläßt in seinem Nervenapparat tiefe Spuren. Es ist anzunehmen, daß sich schon in sehr früher Zeit jene Verlagerung der Tastempfindung nach außen herausgebildet hat, die dem Menschen so zur Gewohnheit geworden ist, daß erst die moderne Physiologie das Seltsame dieses Vorganges aufgedeckt hat: daß man, wenn man zum Beispiel mit einem Stock einen Gegenstand berührt, den Eindruck des Widerstandes nicht in den Fingerspitzen spürt, die den Stock halten, sondern außerhalb des Körpers. Das Gerät verlängert also gleichsam unsere Nervenstränge – die Voraussetzung aller feineren technischen Arbeit.

Das Interesse der Werkzeugmacher ist zunächst auf sehr einfache Wirkungen gerichtet: stechen, bohren, schaben, schneiden. Es ist die Werkkunst von Jägern, denen die Geräte dazu helfen sollen, Tiere zu töten, abzuledern und die genießbaren Teile zu rösten. Am meisten ist ihnen am Stechen gelegen, denn erst muß man das Tier erlegen. Die frühesten Werkzeuge sind zugespitzte Steine, mit denen man seinen vierbeinigen Gegnern und manchmal wohl auch seinen zweibeinigen Mitbewerbern um die Beute eine tödliche Wunde schlagen kann.