Die Frage, ob es möglich ist, in absehbarer Zeit auf Lenkungsmaßnahmen im Bereich der Kapitalbildung und Kapitalverwendung zu verzichten und damit auch in diesem Bereich zur "freien" Wirtschaft zurückzukehren, oder ob man sich auch weiterhin mit – marktkonformen – Lenkungsmaßnahmen wird abfinden müssen, gehört zu den zentralen Fragen des westlichen Wirtschaftssystems. Sie wurde auf der diesjährigen wirtschaftswissenschaftlichen Tagung des Vereins für Sozialpolitik in Salzburg (siehe DIE ZEIT, Nr. 41) eingehend behandelt. Die Antwort läßt sich auch für jene, die an der Tagung selbst nicht teilnehmen konnten, aus dem von Dr. Eduard Wolf, Mitglied des Direktoriums der Bank deutscher Länder, in Ergänzung seines Vortrags überreichten statistischen Material eindeutig ableiten (das Material ist in einem Auszug in der beigefügten Tabelle wiedergegeben; die Zahlen wurden durch Angaben über das jeweilige Nettosozialprodukt ergänzt).

Die in den letzten Jahren bei der Beschaffung ausreichender Finanzierungsmittel auftretenden Schwierigkeiten hängen vor allem mit dem sehr hohen Investitionsbedarf dieser Jahre zusammen. Vergleicht man mit den Verhältnissen der Vorkriegszeit, so ist folgendes festzustellen:

Die Investitionsquote (Nettoanlageinvestition bezogen auf das Nettosozialprodukt, drittletzte Spalte der Tabelle) betrug beim Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nach dem ersten Weltkrieg 5,5 und 8,6 v. H. Nach einem Absturz in der großen Weltwirtschaftskrise auf einen negativen Wert (Anlageverzehr) stieg sie im Zusammenhang mit den Rüstungsvorbereitungen auf 10,8 v. H. im Jahr 1936. Selbst dieses Ergebnis würde beim wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Bundesrepublik seit 1949 bei weitem übertroffen. Gegenwärtig wird eine Investitionsquote von rd. 14 v. H. erzielt. Volks wirtschaftlich begründet sind die hohen Investitionen durch den gewaltigen Wiederaufbau- und Nachholbedarf der westdeutschen Wirtschaft. So ist allein der Wohnungsbau – nach Abzug der volkswirtschaftlich als erforderlich anzusehenden Abschreibungen – mit nahezu einem Drittel (jährlich vier bis fünf Mrd. DM) am Investitionsvolumen beteiligt. Ferner ist bei Beurteilung des hohen Investitionsvolumens der Nachkriegsjahre in Betracht zu ziehen, daß nur die rasche Ingangsetzung der Investitionstätigkeit, insbesondere im Bereich der Bauwirtschaft, die Massenarbeitslosigkeit verhüten oder eindämmen konnte.

Wie steht es nun mit den auf dem inländischen Kapitalmarkt aufkommenden Mitteln? Im einzelnen handelt es sich bei diesen Mitteln um den Zuwachs der Spareinlagen bei Banken, Sparkassen und Bausparkassen, um die Sparung bei Lebensversicherungen und Sozialversicherungen sowie die Wertpapierunterbringung außerhalb der Banken. Die Summe dieser Mittel belief sich – natürlich nach Abzug der gleichzeitigen Abhebungen – in den betrachteten Jahren jeweils auf rd. drei bis vier v. H. des Nettosozialprodukts, wenn man von den Ausnahmejahren 1926/28 und 1936 zunächst absieht (vgl. letzte Spalte der Tabelle). 1926/28 herrschte – mit hervorgerufen durch die reichlich fließenden Auslandsanleihen – Hochkonjunktur, auch wurde die Kapitalbildung durch die Bereitschaft der öffentlichen Hand, sich in erheblichem Maße zu verschulden, angeregt. Auf der anderen Seite beanspruchte der Staat einen großen Teil der aufkommenden Mittel für eigene Zwecke. 1936 machte sich bereits die gestoppte Inflation der Aufrüstungsperiode in einem verhältnismäßig hohen Aufkommen an Kapitalmarktmitteln bemerkbar.

Nach diesen Ergebnissen wird man bei realistischer Betrachtungsweise für deutsche Wirtschaftsverhältnisse eine Quote des Aufkommens an inländischen Kapitalmarktmitteln in Höhe von drei bis vier v. H., allenfalls fünf v. H. des Nettosozialprodukts als "normales Aufkommen" ansetzen können. Unterstellt man, daß die gesamten Mittel zur Finanzierung von Nettoanlageinvestitionen Verwendung finden – was nicht immer der Fall zu sein braucht, da ja Kapitalbedarf auch für andere Zwecke, etwa zur Exportfinanzierung oder Durchführung öffentlicher Aufgaben, vorliegen kann – und unterstellt man weiter, daß auf dem Wege der Selbstfinanzierung der Wirtschaft nochmals ein annähernd gleich hoher Kapitalbetrag bereitgestellt wird, so wäre bei normalen Wirtschaftsverhältnissen mit einem Gesamtaufkommen an Finanzierungsmitteln seitens Wirtschaft und Privaten in Höhe von sieben bis acht v. H. des Nettosozialprodukts zu rechnen. Sofern es wünschenswert erscheint, mehr zu investieren, müßten also zusätzliche Mittel herangezogen werden. Hier kommen vor allem Mittel des öffentlichen Haushalts oder Hilfen und Anleihen aus dem Ausland in Frage. Grundsätzlich ergibt sich aus dieser Betrachtung, daß die sehr hohe Inanspruchnahme öffentlicher Mittel für die Durchführung von Investitionen in den letzten Jahren in mehr oder weniger zwangsläufigem Zusammenhang steht mit der – erwünschten – recht hohen Investitionstätigkeit der Nachkriegsepoche. Würde die Bereitstellung öffentlicher Mittel für diese Zwecke demnächst wesentlich eingeschränkt werden, bevor der Kapitalmarkt sich entsprechend erholt hat, so wäre ein Rückgang der Investitionstätigkeit und damit ein Absinken des Sozialprodukts kaum zu vermeiden.

Ein besonderes Problem bilden die aktuellen "Kapitalmarktsorgen". Bei der genaueren Analyse der gegenwärtigen Bereitstellung von inländischen Kapitalmarktmitteln im Umfang von rd. 20 v. H. des gesamten Anlage-Investitionsbedarfs ergibt sich nämlich, daß der größte Teil dieser Mittel nicht als freiwilliges Sparen im Sinne der freien Wirtschaft zu werten ist, sondern als steuerbegünstigtes Sparen oder gar als Zwangssparen über die Sozialversicherung. Beim steuerbegünstigten Sparen ist der Leidtragende der Fiskus, auf dessen Kosten der Sparer – je nach Einkommenshöhe – in Form der Steuereinsparung Zinserträge von 50 bis 100 v. H. seiner Einlagen erreichen kann. Es leuchtet ein, daß dies groteske Mißverhältnis auch für die übrige Wirtschaft zu Verzerrungen im Zinsgefüge führen muß. Auf der anderen Seite läßt die Höhe der gegenwärtigen Steuersätze, insbesondere bei Berücksichtigung ihrer starken Progression, kaum Spielraum für "normales" Sparen. Bei dem Dilemma, in dem sich der Staat befindet, entweder auf Steuern oder auf Spareinlagen verzichten zu müssen, scheint er, wie die bisher in Aussicht genommenen Maßnahmen zur Kapitalmarktreform zeigen, den seit einigen Jahren beschrittenen Weg der Steuerbegünstigung des Sparers weiter ausbauen zu wollen. Die vielfach vorgeschlagene gewaltsame Lösung des gordischen Knotens durch eine generelle Herabsetzung der Besteuerung in erheblichem Umfang – ein Weg, der ohne Zweifel gleichfalls zu einer Erhöhung der Spareinlagen oder zumindest zu echtem Sparen führen würde –, dürfte am Finanzbedarf des Staates scheitern, denn leider ist anzunehmen, daß die bei einem solchen Vorgehen zu erwartenden nunmehr "echten" Sparaufkommen nur einen Bruchteil des Steueraufwands betragen werden. Dies spricht nicht gegen die angestrebte "organische" Steuerreform, die darauf ausgeht, durch geeignetere Steuergestaltung und Handhabung das Sozialprodukt zu vergrößern und auf diesem Weg die Einnahmen des Staates zu erhöhen, während die Ausgabenseite des Etats u. a. durch Vereinfachung der Steuereinziehung entlastet werden soll. Aber man wird viel Geduld aufwenden müssen, bis auf diese Weise spürbare Steuererleichterungen Platz greifen und ein für das echte Sparen günstiges wirtschaftliches Klima herbeiführen können.