In der kommenden Woche wird das deutsche Volk der Kriegsgefangenen, die noch immer in Konzentrationslagern oder Gefängnissen zurückgehalten werden, gedenken. Am Sonntagabend finden Gottesdienste statt, und an einem der folgenden Tage werden während zwei Minuten überall in Deutschland Arbeit und Verkehr ruhen. Das unablässig pulsierende Leben wird gewissermaßen einmal den Atem anhalten und sich an die erinnern, die nicht an ihm teilhaben dürfen. – Viel öfter, als dies geschieht, sollten die Gedanken des deutschen Volkes auf die brennende Frage: Wo bleiben die deutschen Kriegsgefangenen? gerichtet werden. Es gibt ein Beispiel in der Geschichte, wie eine solche Frage im Bewußtsein der Menschen lebendig gehalten werden kann.

Während 150 Jahren wurde am Osmanischen Hof des polnischen Schicksals nach der Teilung gedacht – aus Treue zu den Freunden. Jeden Freitag pflegte der Sultan bis in die Zeiten Abdul Hamids und Abdul Medjids von seinen Ministern und Marschällen begleitet, zum Gebet zu fahren, während die albanischen Leibgarden Spalier bildeten. Nach dem Gottesdienst hielt der Sultan Cercle empfing Besucher und verteilte gelegentlich auch Orden. Stets war seine erste an den Großwesir gerichtete Frage nach alter, strikt eingehaltener Überlieferung und mit einem in die Runde schweifenden (Blick: "Wo ist der Botschafter Polens?"

Nie blieben diese Worte ohne Wirkung auf die, die es anging, und auch auf die, die von einer solchen Überlieferung überrascht wurden. Sollte nicht in unserem vergeßlichen Zeialter die UNO, die der Hüter des Weltgewissens sein sollte, jede Sitzungsperiode mit der Frage beginnen: "Wo bleiben die deutschen Kriegsgefangenen?" O. H.