Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende Oktober

Der Bundesparteitag, den die CDU in Berlin abhielt, war mehr eine Demonstration als eine Auseinandersetzung über die künftige politische Linie der Partei. Der eigentliche Parteitag, der das Wahlprogramm der führenden Regierungspartei aufstellen soll, wird Anfang des nächsten Jahres in Hamburg stattfinden. Wie sehr ein Mann die Regierung und die führende Regierungspartei in sich verkörpert, das bewiesen die Berliner Tage der CDU. Es war schwer zu unterscheiden, wann der Parteichef und wann der Kanzler sprach, denn ein Widerspruch gegen Adenauers politische Konzeption zeigte sich nicht und nirgendwo. Dies aber nicht, weil die 310 CDU-Delegierten sich an die Politik eines autoritären Parteivorsitzenden gebunden fühlten, sondern weil sie die Konzeption seiner Politik als Konsequenz ihrer Überzeugungen und als Erfolg ihrer Politik ansahen. Insbesondere stimmten sie Adenauer immer lebhaft zu, wenn er die SPD nach einem anderen Wege zur deutschen Wiedervereinigung fragte. Zu den bekannten Argumenten fügte der Kanzler in Berlin die neuen, die sich aus der politischen Entwicklung Moskaus ergeben. Überhaupt stellte Adenauer den Berliner CDU-Parteitag als eine Antwort auf Stalin und den kommunistischen Parteikongreß dar, als eine offiziöse Auseinandersetzung mit der Sowjetunion, die von dem Schema einer bloß antirussischen Polemik beträchtlich abstach.

Natürlich hat der CDU-Parteitag auch kein praktisches Rezept gebracht, wie das Problem der deutschen Teilung zu lösen sei. Vielmehr haben die Berliner CDU-Tage der Sowjetzonen-Bevölkerung die Anschauung vermitteln wollen, daß die von Adenauer beschrittenen Wege zu Montan-Union, Deutschland-Vertrag und europäischer Verteidigungsgemeinschaft Wege sein sollen zu einer Wiedervereinigung in Freiheit. Adenauers Berliner Konzeption hält auch die Verhandlung mit der Sowjetunion als reale politische Möglichkeit vor Augen, aber er will sie erst dann, wenn ein starkes Deutschland in einem starken West-Verband steht. Seine Partei hat sich in Berlin, als sie ihn mit einer einzigen Gegenstimme wieder zum ersten Parteivorsitzenden wählte, völlig hinter seine Politik gestellt. Und indem sie den Bundestagspräsidenten Dr. Ehlers mit gleichgroßer Stimmenzahl zum zweiten Vorsitzenden berief, hat sie sicherlich ebenso sehr den evangelischen Partner in der Partei auszeichnen wollen wie den Politiker, dessen eigenes Profil gerade im letzten Jahr immer stärkere Umrisse bekam.

Bleibt nur noch zu berichten, daß zwischen den zur gleichen Zeit in der Ostberliner Staatsoper zusammengetretenen Parteitag der Ost-CDU und dem Bundesparteitag der CDU sich nicht das geringste Band schlang. Nuschkes Parteitag hatte die Aufgabe, dem Stalinismus die christliche Bevölkerung der Sowjetzone zuzuführen. Während die Ost-CDU Adenauer einen Verbrecher nennen ließ, empfahl sie der "ganzen Christenheit" Stalin als den weisesten Führer der Menschheit.