Maurice Chevalier in Hamburg

Plötzlich scheinen alle Wege der westlichen Welt – wenn nicht nach Hamburg – so doch über Hamburg zu führen. Armstrong kam, der Jazz-König aus Amerika; Gigli kam, der italienische Tenor; und Maurice Chevalier erschien: der Tausendsassa aus Frankreich, den sein Vaterland zum Mitglied der "Ehrenlegion" machte: eine Ehrung, die jüngst auch Walter Gieseking zuteil wurde, hoffentlich nicht nur, weil dieser deutsche Pianist als Klavierprofessor in Saarbrücken wirkt. Maurice Chevalier aber hat das Band der Ehrenlegion erhalten, weil er durch seinen Charme dem französischen Wesen in aller Welt Ehre verschaffte. Wäre es nach dem Wunsch des Hamburger Musikhallen-Publikums gegangen, so hätte ihm der deutsche Bundespräsident längst das Ritterkreuz verleihen müssen. Und der Chronist gesteht, daß er nicht nur entzückt von dem französischen Gast war, sondern auch von diesem seinem Publikum. Fortan wird Maurice erzählen, daß er zum ersten Male in Deutschland war und daß diese Deutschen ganz reizende und vermutlich recht gebildete Menschen seien. Hat er doch seine Chansons in englischer Sprache erläutert und auf französisch gesungen! Seine Zuschauer und Zuhörer folgten mühelos – nicht bloß, weil er mit Gesten alles deutlich machte, sondern auch, weil er das ihm gemäße Publikum vor sich hatte. Daß Hamburg eine Weltstadt ist, obwohl es sonst manchmal nicht so scheint, das fiel an diesem Abend auf.

Maurice kam, lächelte sein altes, junges Chevalier-Lächeln, das eine wundersame Mischung aus Eleganz, Frechheit, Liebenswürdigkeit, Skeptik und Optimismus ist, und schon strömte eine Woge von Sympathie durch den Saal, die sich zu einer Flut von Herzlichkeit steigerte. Chevalier sang das Lied von den "Canne et Casquette" und sagte, den Spazierstock und die Mütze liebe er gleichermaßen. Wo sie die Mütze tragen, im Pariser Arbeitervorort, da sei er geboren (vor 64 Jahren!), und wo sie fein den Spazierstock schwingen, rings um den Arc de Triomphe, da sei er zu seinen Erfolgen gekommen. Seither habe er beide versöhnen wollen: die mit dem Stock und die mit der Mütze.

Man denke: ein Star, der sagt, daß er schon 64 ist! Aber Maurice Chevalier ist mehr als ein Star, er ist ein Mensch, und eben dies macht seinen ganzen Charme aus. Er sang das Chanson, das er, wie er erzählte, vortrug, als er in Paris sein 50jähriges Bühnenjubiläum feierte. "Jubilo" heißt es – "ich jubiliere". Darin lebte zu gleichen Teilen: wissendes Narrentum, naive Faxenmacherei, volkstümliche Artistik und – Dank an ein gut geratenes (wir Deutsche würden sagen: erfülltes) Leben. Ob Chevalier, der vom armen Arbeitersohn zum international gültigen Muster an Eleganz und guter Laune aufstieg, immer so fröhlich war wie es den Anschein hat? Wenn ja, dann ist Fröhlichkeit das Elixier, das ewige Jugend verleiht. Aber ein anderes Merkmal wurde außerdem noch spürbar: Maurice Chevalier hatte mit französischen Chansons noch mehr Erfolg als mit den Schlagern amerikanischer Provenienz, die er aus seinen Hollywood-Filmen ins Programm übernommen hatte. Die Chansons wirkten echt und persönlich – als Lieder, die einzelne Menschen erfunden und an einzelne Menschen gerichtet haben, die Schlager wirkten als Klischees, als Produkte für die Masse. Selbst ein Chevalier konnte diese Unterschiede nicht verwischen. Im Gegenteil: Wie sehr die sogenannte "Leichte Muse" heutzutage im allgemeinen zu einer wohlfeilen, auf glatten Hochglanz polierten Unterhaltungs-Farce geworden ist (gleichgültig, wer sie produziert und wer sie konsumiert), dies macht Chevalier wider Willen deutlich, weil seine Kunst im Gegensatz zu der der allermeisten anderen internationalen Charme-Inhabern ein ganz persönlicher Besitz ist. Was macht es aus, daß er eigentlich nicht sehr gut singen kann und kein akzentfreies Englisch spricht? Es macht nicht das geringste aus, denn... dieser Maurice Chevalier, dieser große Künstler, er ist ein echter Mensch.

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