Von Vincent Brun

London, im Oktober

Die Stadt London ist voll von Zelebritäten. In den letzten Wochen kamen Toscanini und sein Jünger Guido Cantelli, da kam aber auch der bejahrte Vaughan Williams aus der Provinz herein, da kam vor allem die sensationelle und aufregende Negertruppe für die Negeroper „Porgy and Bess“. Was wäre aber sensationeller und aufregender als immer noch jener nicht mehr junge und ergreifende Clown, der Mann der Legende und Wirklichkeit – Charlie Chaplin, der nun schon seit geraumer Zeit nicht nur Gesprächsstoff, Erwartung und Erfüllung der Massen, der Spaziergänger und alten Freunde vom anderen Themseufer ist, sondern auch das Objekt der Bewunderung der Intellektuellen dieser, ein kleiner Stein des Anstoßes für Behörden einer anderen Stadt.

„Hier ist er!“ ruft jemand neben mir auf dem „Strand“ und zeigt ganz schamlos auf eine kleine Familiengruppe: der schlanke, weißhaarige Mann, ohne Hut, neben ihm eine anziehende junge Dame, ein junges Mädchen an der Hand führend. Er trägt nicht einmal eine schwarze Brille zur Tarnung, und lächelt, wie nur er es kann, wenn man ihn umringt und ihm auf die Schulter klopft. Ein anderer, im Autobus, erzählt wieder, wie er den großen, kleinen Mann gestern abend im Theater erspäht hat: „Nur zwei Reihen vor mir!“ Und in der Zeitung steht, er habe einen kurzen Rundgang durch die beliebtesten Wirtshäuser gemacht, wo er „noch Freunde getroffen habe“. Ja, in den Zeitungen steht fast jeden Tag etwas über Chaplin. Denn dieser Schauspieler, Dichter, Musiker, Regisseur ist ja leider auch eine Person des öffentlichen Lebens; weil er das öffentliche Leben im üblichen Sinn so sehr ablehnt.

Man hat ihn dazu gemacht. Die alles umschlingende Reklame mit ihrem Vollkommenheitsanspruch verlangt von dem Schauspieler dieser Epoche, daß er zu allem und jedem Stellung nimmt. Da bleibt dann wohl nichts anderes übrig, als etwas zu tun. Tut man aber gar nichts – erwirbt man zum Beispiel nicht die Staatsangehörigkeit seines Gastlandes Amerika, weil man eigentlich in solchen Begriffen gar nicht denkt – dann wird es einem erst recht vorgeworfen. Dann ergehen Erklärungen aller Art, an jedem Tag; da wird um die eventuelle Teilnahme an einer „Königlichen Variété-Vorstellung“ publizistisch gefeilscht; da läßt sich ein großer Veteranen-Verband in Amerika über die eventuelle Aufführung des neuen Films „Rampenlicht“ in der Presse dahingehend aus, daß dieser herrliche, völlig neue, weil völlig alte Chaplin-Film in den USA erst aufgeführt werden soll, wenn bewiesen ist, daß sich Chaplin selbst gut aufgeführt hat.

Eine derartige Drohung wird in England wenigstens nicht mehr Realität werden können. Denn die Chaplin-Wochen der gespannten Erwartung haben jetzt einen wenigstens vorläufigen Höhepunkt gefunden: einem geladenen Publikum aus Presse und Freunden wurde das „Rampenlicht“ („Limelight“. Siehe/auch „Die Zeit“ vom 17. April 1952) gezeigt. Wenn die geradezu dramatisch-erschütternde Wirkung auf die abgehärteten Menschen der Publizistik, der direkte Stoß in Herz und Tränendrüse – vom Zwerchfell ganz zu schweigen! – ein Maßstab und Vorgeschmack der Wirkung auf das allgemeine Publikum ist, dann wird dieser Chaplin-Film nicht nur in London, sondern auch in Denver, Colorado und in Ochsenfurt nicht nur bei Künstlern und Literaten, sondern auch bei Handlangern und Kleingewerbetreibenden ein Erfolg sein, wie man ihn seit „Goldrausch“ nicht erlebt hat. (Aber vielleicht irre ich mich auch. Denn ich liebe Chaplin heute wie vor zwanzig Jahren. Und Liebe macht blind.)

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