Von Jan Molitor

Als Armstrong, der Meister des Jazz, in Hamburg spielte (in den anderen europäischen Städten, die er beehrte, soll ein ähnlicher Tumult geherrscht haben), da "war was los". Man wird sich diesen Satz merken müssen, damit man ihn gelegentlich in die moderne Unterhaltung einfließen lassen kann, um zu zeigen, daß man mit der Jugend geht. Man muß die einsilbigen Worte ruhig und trocken, jedoch Silbe für Silbe betonen: "Da – war – was – los..."

Ja, um Himmels willen, was war denn los? Ich bin doch auch bei Louis Armstrong gewesen und habe dennoch nicht gemerkt, daß etwas los war. – "Ja", erwiderte der Junge, "immer war es ja auch nicht, aber so fünf-, sechsmal: da war was los! Das war doch wohl zu merken." Und der Junge sieht mich befremdlich an, ja, wenn ich ehrlich bin: sogar ironisch.

Das mir! Wo ich mehr Jazz- und mehr Armstrong-Schallplatten kenne als irgendein Mensch, mit dem ich mich je über die Phänomene von Hot und Sweet von Blues und Boogie-Woogie unterhalten habe! Natürlich bin auch ich hingerannt und hab’ die Ohren und die Augen aufgemacht – "Und dann haben Sie nicht gemerkt, daß da was los war?"

Was ich gemerkt habe, war dies: Es waren in der Ernst-Merck-Halle, die ganz aus Beton besteht und eine abscheuliche Akustik hat, schätzungsweise siebentausend Menschen. Man saß im Mantel, qualmte Zigaretten, und die Zugluft ließ den Rauch nicht aufsteigen, sondern waagerecht wegschweben. Auf dem Podium: Mikrophone. Und eine Lautsprecher-Stimme sagte dröhnend, jetzt würden Armstrongs Solisten vorgestellt, zunächst: Arvell Shaw. – Hops, sauste ein dünner, sehr gelenkiger schwarzer Mann hinterm Vorhang hervor, setzte in drei, vier Sprüngen nach vorn und packte die dort stehende Baßgeige am Kragen. Tobender Beifall wie über eine unerhörte akrobatische Leistung! Ja, wußten denn die Menschen nicht, daß alle Baß-Spieler in den Jazz-Bands ebenso dünn und gelenkig sind wie ihr Musikinstrument dick und steif? Ein neuer Name –: ein neuer schwarzer Mann, auch er hervorhopsend wie der Teufel aus der Kiste: Cozy Cole, Schlagzeuger. Nicht ganz so schwarz war der nächste: Trummy Young, Posaunist. Der Klarinettist, Bob McCracken, war weiß; so auch der Pianist, der den ganzen Abend hindurch mit zuckendem rechten Knie den Rhythmus betonte und unentwegt Kaugummi kaute: Macky Napoleon. Alle Namen waren mir bekannt, besonders der letzte ... schon aus der Geschichte (des Jazz): so schloß ich mich dem tobenden Beifall an. Und dann kam er: Louis Armstrong. Na, der Tumult, der sich bei seinem Anblick erhob, ist unbeschreiblich.

Auf die Gefahr, von der Jugend zum alten Eisen geworfen zu werden, gestehe ich offen, daß der Einzug dieser sechs Helden für mich so spannend war, daß keine ihrer späteren Darbietungen mich danach noch groß beeindrucken konnte. Denn bis auf die eingefleischten Jazz -Fans, die zehn Beethovens für einen Armstrong hergeben, werden mir alle Musikfreunde glauben, wenn ich sage, daß es nicht sehr attraktiv ist, wenn in einem riesigen Raum sechs Männlein sich bemühen, gegen eine Masse von siebentausend Menschen anzugehen. Sie mußten dabei nämlich die Technik der Mikrophone und Lautsprecher zu Hilfe nehmen. Die Lautsprecher aber waren zwar reichlich, jedoch nicht glücklich im Saale verteilt, so daß sie sich nicht selten überschrien und sozusagen ein megaphonaler Hexensabbat entstand. Wenn es denn bei solchen Massenkonzerten ohne derartige Lautsprecherwagen nicht geht, da setz’ ich mich doch lieber zu Hause hin und lege gemütlich eine Armstrong-Platte auf, die zwar auch nicht ohne Mikrophon, aber doch wenigstens mit verfeinerter Mikrophon-Technik entstanden ist. Aber ein Mikrophon-Konzert–was soll das? Ich sehe die Musiker Armstrongs leibhaftig agieren und höre eine durch Technik entstellte, jedenfalls vergröberte Musik, die auf dem Wege über die diversen Lautsprecher verdorben ist, während die Armstrong-Konserven daheim, die Schallplatten, sich wesentlich frischer gehalten haben. Wenn aber diese Schallplatten mehr Armstrong sind, als sein Konzert – warum geh’ ich da bloß hin? Was soll ich da lernen? Was soll da schon los sein? Ha, die Sitten und Gebräuche – das war es! Welch Wandel der Zeiten! Welch Weltenwandel! Geh’ ich zum Beispiel in ein Beethoven-Konzert, so seh’ ich den Dirigenten die Fäuste ballen: "So pocht das Schicksal an die Pforte." Und die Zuhörer stützen die gedankenschweren Häupter in die Hände, denn so gehört sich das. Bei Haydn lächeln sie verschmitzt: "Wie hübsch der liebe Papa Haydn das damals doch schon konnte!" Und der Dirigent, wenn er das Seinige getan, verbeugt sich still, bescheiden, ernst und – wohlgemerkt – immer mit verschlossenem Munde.

Dies alles aber war bei Armstrong nicht der Fall. Seine Trompete stieg und stieg, kletterte in sagenhaft hohe Regionen, die anderen Musikanten kletterten mit oder bemühten sich, mit einem wuchtigen Baß-Fundament ihm eine solide Stütze für seine schwindelnd hohe Leiter zu geben; der Schlagzeugmann gedachte Sodoms und Gomorras. Und also naht der voluminöse Schlußakkord. Und dann ... ja, dann springt Armstrong einen Schritt vor, packt die Trompete mit der Linken, hebt grüßend den rechten Arm, reißt die Zähne auseinander und stößt urige Schreie hervor. Nicht immer erfolgte ein Schrei, aber das Mundaufreißen (Furtwängler sollte das mal machen, da wär’ was los!) erfolgte regelmäßig. Und da sah ich es auch ringsum: das Mundaufreißen im Publikum. Und so fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es ist der neue Stil! Jetzt weiß ich, warum auf Photos und im Film die Stars mich immer ansehen, als ob sie begeistert die Zähne in meinen Hals schlagen wollten. Es ist die Mode; es sind die Sitten und Gebräuche. "Warum reißt ihr eigentlich die Mäuler auf, springt auf die Stühle, brüllt und werft die Arme?", fragte ich den Jungen, der auch im Konzert gewesen war. Er sagte maulfaul: "Machen wir ja gar nicht immer." – "Nein? Immer macht ihr’s nicht? Bloß der Armstrong macht es immer?" – "Mm", sagte der Junge, "wir machen’s bloß, wenn was los ist."