In letzter Zeit wird viel darüber diskutiert, ob man in Zukunft bei großen repräsentativen Sportveranstaltungen, beispielsweise bei internationalen Länderkämpfen, noch die Nationalhymnen der einzelnen Völker spielen soll, sei es zur Begrüßung, zum Abschied oder zur Ehrung der Sieger. Das ist vor allem eine Frage des Geschmacks, über den man bekanntlich nicht streiten sollte. Keineswegs ist derjenige aber, der sich zum Spiel der Nationalhymnen bekennt, etwa ein unverbesserlicher Nationalist oder gar Chauvinist, ebensowenig wie jener, der sich dagegen wehrt, ein "vaterlandsloser Geselle" sein dürfte.

Das Spielen der Nationalhymnen bei internationalen Sportveranstaltungen ist weiter nichts als ein jahrzehntelang üblicher Akt der Höflichkeit gegenüber einem Gast beziehungsweise dem Sieger. Allein um seine Ehrung geht es, keineswegs um "nationale Ressentiments".

Wir hörten jüngst, daß man sich in Paris vor dem letzten Fußball-Länderkampf Deutschland gegen Frankreich ernsthafte Sorgen darüber gemacht hätte, was wohl passieren würde, wenn man unsere Nationalhymne spielen würde? Besonders ängstliche Gemüter, die sowohl bei der Pariser Polizei wie auch im Französischen Fußballverband saßen, befürchteten unliebsame Zwischenfälle, wenn das "Deutschland über alles" erklingen würde, und so zog man eine internationale Unhöflichkeit einem etwa möglichen, keinesfalls sicheren Skandal vor.

Schnell noch eine kleine (unbedingt notwendige) Erklärung, um allen Zweifeln in Zukunft vorzubeugen. Ich folge Joachim Fernau, der in seiner Deutschen Geschichte "Von Arminius bis Adenauer" schreibt: "Das Lied ist so oft böswillig mißverstanden worden. Es ist weiter nichts als das Lied unserer Sehnsucht. Zur gleichen Zeit sang man in Frankreich die napoleonische Marseillaise weiter und in England das ‚Britannia rules the waves‘. – ‚Allons! Enfants de la patrie‘... ist ein Schlachtruf, und das englische "Right or wrong my country" geradezu furchterregend. Die Hymne Hoffmanns von Fallersleben ist ein Zuspruch, ein Beschwichtigen der Angst, die man uns so reichlich gelehrt hatte, der Sorge und des Kleinmuts. (Übrigens machten nicht Kaiser und Könige und Generale dieses Lied zur deutschen Nationalhymne, sondern die Weimarer Republik unter Friedrich Ebert.)" Soweit Fernau. Wir aber fragen uns: Wie kann bloß dies Lied den tapferen Franzosen solche Angst einflößen, daß man es noch nicht einmal bei einem harmlosen Fußballspiel erklingen zu lassen wagt? Der Berichterstatter eines deutschen Blattes fand das übrigens (unbegreiflicherweise) ganz in Ordnung, er machte sich die "Begründung" des französischen Sportverbandsführers "Wir sind doch kein Gesangverein" zu eigen. Wahrscheinlich fand er das sogar noch witzig.

Wir finden das – ganz im Gegenteil – betrüblich. Überlegen wir doch einmal, wie sich wohl eine französische oder britische Mannschaft verhielte, die zwar von einem Land eingeladen, der aber vorher gesagt wird, ihre Nationalhymne könne im Interesse der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung nicht gespielt werden? Sie würde sofort absagen oder, was noch gewisser wire, überhaupt nicht auf die Einladung reagieren.

Man kann darüber streiten, ob das Spielen von Nationalhymnen nicht allgemein abgeschafft werden sollte, obwohl ein vernünftiger Grund dafür nicht vorliegt. Solange es aber noch internationaler Brauch ist, ist es eine Brüskierung, wenn Deutschland davon ausgenommen wird, und es ist eine Würdelosigkeit deutscher Sportführer, wenn sie daraus keine Konsequenzen ziehen. Schließlich aber noch eins: Unsere Sportführer operieren gerne mit der These von den "besten Botschaftern unseres Landes", unter denen sie unsere ins Ausland reisenden Sportmeister verstanden wissen wollen. Ein Botschafter aber müßte doch wohl ein Gefühl für Würde oder Repräsentanz besitzen, sonst ist er im besten Falle ein "Gesandter". Walther F. Kleffel