Wie schön sind diese Herbsttage, und wie herzzerreißend kontrastieren sie mit der Welt, die uns aus Plieviers Buch "Moskau" entgegentritt! Der Lesende gewahrt das sanfte Leuchten des Herbstwaldes und den stillen Blätterfall nur noch durch die Blutschleier des Krieges, von dem der Schriftsteller erzählt. Das Zögern dieses farbenprangenden Welkens, die resignierte Lautlosigkeit, mit der die Natur ihren Verfall über sich ergehen läßt, alles das wird von der totalen Finsternis aufgeschluckt, die diesen Seiten entsteigt. Wie arm und hilflos ist der Mensch, der weit über seine eigene Kraft hinauswächst, wenn es gilt, zu zerstören und zu töten. Was für rätselhafte Wesen sind wir, daß wir göttergleich die Schöpfung zu übertreffen scheinen, um schließlich von dem, was wir geschaffen haben, in den blutigen Schlamm der siegreichen Erde hineingewalzt zu werden! Jawohl, es wird immer Kriege geben, aber nicht, weil unsere Kraft und unser Lebenswille keine Grenzen kennen, sondern weil unsere Fähigkeit, zu leiden, unerschöpflich ist. So rollt die ungeheure Maschine auf Moskau zu, um von einer noch gewaltigeren aufgehalten und überfahren zu werden. Was Deutschland, was Rußland – die Namen der Völker und ihrer Tyrannen werden bedeutungslos vor dem, was der einzelne Mensch zu erdulden hat. Er ist bereit, es abermals zu erdulden und immer wieder. Wo ist das Licht? "Noch war die Erde verdunkelt vom Rauch der Geschütze", so schließt das Buch. "Aber er hatte das Licht gesehen... das Licht hatte er gesehen, als die Erde am dunkelsten war." Es ist das Licht des Mitleids.

Von allen Geistern, die dem "Gott, der keiner war", abgeschworen haben, von allen bekehrten Kommunisten ist Theodor Plievier der überzeugendste. Er ist erst nach dem Kriege, den er in Rußland verbracht hat, aus dem Sowjetbereich in die westliche Welt zurückgekehrt. Aber er hat immer gewußt, daß eine Wandlung dieser Art große Zumutungen an die Zeitgenossen stellt und den Gewandelten zu einer Zurückhaltung verurteilt, die nicht dem Stil unserer geräuschvollen Gesinnungskämpfe entspricht. Wir sind an eifernde Stimmen gewöhnt, die uns heftiger belehren wollen, als wir, noch betäubt vom weltgeschichtlichen Kulissenwechsel, ertragen können. Der entlarvte Gott lebt noch und bedroht uns. Ihm einmal gedient zu haben, ist mehr als eine kostbare politische Erfahrung. Es ist ein Unglück, aus dessen Schatten der Bekehrte nie ganz heraustritt. Wenn die Unbefangenheit des Abgefallenen gar zu groß ist, wenn in der Abschwörung das Drama des Herzens nicht mehr fühlbar wird, wenn gar gescholten werden, weil der Riß, der durch die Welt geht, uns leiden macht, dann werden wir mißtrauisch und wünschen uns weniger frischfröhliche Führer im Kampf gegen den Gott, der versagt hat. Plieviers tiefe Wirkung beruht darin, daß wir das Stück leidvolle Dunkelheit, das seine Wandlung in ihm zurückgelassen hat, gleichsam mit Händen greifen können. Wir glauben ihm, denn er ist in der Verdammung des Gewesenen ebenso taktvoll wie in seiner Zustimmung zu den Ideen der westlichen Welt, zu denen er zurückgefunden hat. Takt mag auf den ersten Blick als kein sehr großartiger Begriff erscheinen. Aber wenn man ihn recht durchdenkt, ist er die unerläßliche Vorstufe zu jener Humanität, die vor dem gefräßigen Götzen in Sicherheit gebracht werden soll. Plievier ist einer der Unseren geworden, aber wir lassen ihn als eine besondere, ja abseitige Erscheinung gelten, weil wir fühlen, daß er die Schattenlinie von der einen Welt zur anderen mit entschlossenem, aber blutendem Herzen überschritten hat.

Was er zu sagen hat, steht in seinen Büchern. Sein "Stalingrad" erweist sich, obwohl als erstes seiner Kriegsbücher erschienen, als das zweite Stück einer Trilogie, deren drittes "Berlin" heißen wird. Mit "Moskau" beginnt es. Der Krieg Hitlers gegen die Sowjetunion führt im ersten Ansturm vor die Tore der russischen Hauptstadt und wird einst in den Schächten der Berliner Untergrundbahn enden. Das furchtbarste und verhängnisvollste Unternehmen aller Zeiten posthum zu verdammen, ist heute keine Aufgabe für den Chronisten mehr. Das Urteil ist schon lange gefällt. Es kommt auch nicht mehr darauf an, aus dem Räderwerk der Verantwortung einzelne Teile herauszulösen und darzutun, daß dies oder jenes hätte anders gemacht werden können. Denn da der Weg um der Sache der Menschheit willen ins Verderben führen mußte, ist es heute fast belanglos, nachzuforschen, mit welchen Mitteln Stalin gesiegt und aus welchen Gründen Hitler verspielt hat – es sei denn, man wolle für kommende Auseinandersetzungen aus dem finstersten Stück Kriegsgeschichte die notwendigen Lehren ziehen.

Mit dieser Einschränkung sind wir freilich schon mitten im dichtesten Gespinst der vielen Fragen, die Plieviers Roman unbeantwortet läßt. Wohl kam es ihm vor allem darauf an, seine tiefste Erfahrung "der Getretene schreit" künstlerisch zu gestalten. Aber er konnte nicht verhindern, daß der deutsche Zusammenbruch vor Moskau als eine Serie von Fehlern erscheint, deren größter das Verhalten Hitlers war. Hätten sie vermieden werden können? Die Frage ist furchtbar, denn sie führt in jähem Bogen weit ab von der sittlichen Idee des Buches. Natürlich will der Autor sagen, daß Hitler nicht siegen konnte, weil er nicht siegen durfte – selbst wenn "der Nachschub geklappt hätte". Er will weiter sagen, daß ein Krieg für eine schlechte Sache nicht gewonnen werden kann. Angesichts dieser Tatsache ist es gleichgültig, daß die deutschen Panzer dem russischen T 34 "hoffnungslos unterlegen" waren, daß im entscheidenden Augenblick die Winterbekleidung fehlte, daß der "Sprit" nicht zur Stelle war, und was dergleichen militärische Probleme mehr sind. Die ungeheure Erregung, die von vielen Seiten dieses Buches ausgeht, entsteht indessen aus der bangen Frage: "Wird es klappen?" Bei Gott, wir wissen, daß es den deutschen Truppen nicht gelang, in Moskau einzudringen. Aber wir erfahren mit einer Eindringlichkeit, die mit allen schriftstellerischen Mitteln geschärft wird, wie nahe die Spitze der Wehrmacht dem Ziele war. Das stärkste Stück des Buches ist die Schilderung des Vorstoßes, den die Vorausabteilung des Oberstleutnants Vilshofen über den Prowtafluß hinaus unternimmt. Der Vorstoß ist so hinreißend beschrieben, daß man den dahinstürmenden Panzern atemlos folgt und sich schließlich dabei ertappt, daß man ihren Erfolg wünscht.

"Dichten selbst ist schon Verrat", sagt Goethe, denn der Kunst wohnt eine gewisse Eigenmächtigkeit inne, die dem vollkommen Gestalteten jenseits aller ethischen Akzente eine Überzeugungskraft verleiht, die vielleicht gar nicht gewollt war. Was am stärksten geformt ist, überzeugt auch am stärksten. Der Verlauf des Feldzugs gegen Moskau steht historisch fest, seine Umstände und sein Ausgang sind uns bekannt. Wenn Plievier trotzdem epische Spannung erzeugt, so tut er dies mit den Mitteln der Kunst, mit jenen Mitteln also, die unter Umständen dazu führen, daß man mit dem "Falschen" Mitleid empfindet und daß man den historischen Hergang für die Dauer der Gestaltung verdrängt, um sich ganz der aufregenden Frage hinzugeben: "Wird es gelingen?" Auch Tolstoj hat ein historisches Drama geschildert, das mit Plieviers Buch viele Schauplätze gemeinsam hat. Doch sind in "Krieg und Frieden" der Einfall und die Vertreibung der Großen Armee nur das Element, in dem die erfundenen Figuren sich entfalten und den ihnen zukommenden Aggregatzustand finden. Natascha, Pierre und selbst Denisow sind wichtiger als Murat oder Clausewitz, und die Lebendigkeit des alten Kutusow wächst in dem Maße, wie er zu einer Phantasiefigur zu werden scheint. Auch Plievier versucht die historischen mit den erdachten Menschen zu mischen, aber beide bleiben gleich schattenhaft. General Bomelbürg, Oberstleutnant Vilshofen und Unteroffizier Gnotke gewinnen kaum schärfere Umrisse als Stalin, Molotow, Hitler und Guderian. Eine Sitzung im Kreml, eine Besprechung im "Führerhauptquartier" erscheinen wie in einem Zeitungsbericht. Die bei diesen Gelegenheiten auftretenden Figuren dringen nicht über die Sphäre der Nachrichtenwelt hinaus, ja sie teilen den erdichteten Erscheinungen noch etwas von ihrer papierenen Herkömmlichkeit mit, so daß Gnotke schließlich auch in die Welt der "Tatsachenberichte" entrückt. Es geht indessen nicht an, diese Blässe dem Epiker Plievier als Versagen anzukreiden. Man hat vielmehr den Eindruck, daß die Wände der Kunstform, die der Autor gewählt hat, durchbrochen werden. Ein Roman – was ist das, wenn ein Geist sich vornimmt, die Lehre aus einer Katastrophe zu ziehen, in deren Wirkungen wir noch mitten darinstehen? Die Frage Thomas Manns, ob nicht "auf dem Gebiet des Romans heute nur noch das in Betracht komme, was kein Roman mehr sei", findet hier eine unerwartete Antwort. Plievier hat ein Lehrstück geschrieben und dabei die Grenzen des Romans ebenso überschritten, wie Brecht mit seinen Lehrstücken die Kunstform des Dramas gesprengt hat.

Daraus ergibt sich freilich eine Vieldeutigkeit – um nicht zu sagen Zweideutigkeit –‚ die dem Buche seine künstlerische Autonomie raubt und es allen Interpretationen preisgibt. Der Roman wird zur Quelle, die von dem unermeßlichen dokumentarischen Fleiß des Autors profitiert, aber jeden Augenblick in ihrer Gültigkeit durch die Erschließung neuer Quellen bedroht werden kann. Hat Molotow wirklich in einer Sitzung des Politbüros vorgeschlagen, "ohne Verzug mit Hitler Verhandlungen" aufzunehmen? Wenn diese Frage erlaubt ist, so darf man weiterhin forschen, ob Stalin tatsächlich in derselben Sitzung "immer wieder die gleichen plumpen Eisenbahnräder" auf das vor ihm liegende Papier gezeichnet hat. Sobald die Frage nach der "Echtheit" einer Szene gestellt wird, ist kein Detail von ihr ausgenommen, ja ein hinzugefügter Phantasieschnörkel kann die historische Glaubwürdigkeit des ganzen Bildes gefährden.

In Wirklichkeit geht Plievier an mehr als einem Punkt sogar darauf aus, Informationen zu liefern und sie mit den angewandten Kunstmitteln des Erzählers in Einklang zu bringen. Das gilt vor allem für die Frage, ob Hitler durch seinen Angriff den Russen lediglich zuvorgekommen sei. Tatsächlich wird dem Autor diese gefährliche und immer noch umstrittene These zugeschrieben. In seinem Buch vertritt er sie nirgends. Aus dem Verhalten verschiedener Figuren geht lediglich hervor, daß die Sowjetführung von dem bevorstehenden Krieg "schon" zwölf Tage vor dem deutschen Einmarsch gewußt und entsprechende Maßnahmen ergriffen habe. Davon, daß die Rote Armee sich zu einem Angriff angeschickt habe, ist an keiner Stelle die Rede. Im Gegenteil, das vollkommene Chaos, in das der deutsche Angriffskeil hineinstößt, beweist eine fast unglaubwürdige Ahnungslosigkeit der meisten Sowjetstellen, von der Bevölkerung überhaupt nicht zu reden. "Dieser Hitler hat uns alle überrascht" – diese Worte eines Heerführers sind das Leitmotiv der Verzweiflung, die über die geschlagenen und vom Strom der Panik mitgerissenen Generäle kommt und sie schließlich vor die Maschinenpistolen der politischen Polizei führt. Sobald man anfängt, den Roman Plieviers nicht mehr als rein künstlerisches Gebilde zu nehmen – was er offenbar gar nicht hat sein wollen –, sondern ihn als Informationsquelle oder auch nur als Meinungsäußerung zu diskutieren, häufen sich die Widersprüche in einem solchen Maße, daß der Leser schließlich überhaupt nicht mehr imstande ist, eine eindeutige Lehre aus der Schilderung zu ziehen, und sich um so entschiedener der einfachen Erschütterung über so viel Menschenleid hingibt.