Aber es mag auch den einen oder anderen Leser geben, der aus dem Buch das herauszieht, was er für sein politisches oder historisches Ressentiment gerade braucht. Um ein Haar wären wir nach Moskau hineingekommen – oder durfte es nicht gelingen? Die deutschen Truppenführer wurden durch irrsinnige Befehle und Blindheit der Staatsspitze ins Verderben getrieben – oder waren sie sture Fachleute, die zwar gehorchten, aber nicht denken konnten, oder gar bloße Opportunisten? Der Sowjetstaat peitschte seine Völker mit grausamer Geißel und unter völliger Verachtung des menschlichen Lebens in den Sieg hinein – oder war es der russische Patriotismus, der sich schließlich erhob und so dem Regime zu einer Gleichsetzung mit dem Vaterland verhalf? Warum trat, plötzlich in der russischen Kriegführung ein Umschwung ein? Was war geschehen, daß "die alte Ordnung" im Sowjetstaat über Nacht wiederhergestellt wurde?

"Der Mensch ist Staub", gewiß, und Stalins eiserne Hand verschleudert den Staub, wohin er will. Aber der Mensch ist auch ein Russe oder ein Deutscher und handelt entsprechend. Kann ein moderner Krieg nur noch durch die Methode der Menschenversklavung gewonnen werden – oder ist es immer die gute Sache, die siegt? Gibt es überhaupt im Kreis der westlichen Völker eine Möglichkeit, gegen die bluttriefende Härte der russischen Menschenführung aufzukommen, ohne wenigstens ein bißchen von der freien Welt zu verraten? Diese Fragen werden nicht gestellt, um Plievier Widersprüche vorzurechnen, sondern weil sein Buch den Leser nicht nur künstlerisch ergreift, sondern auch politisch besorgt macht. Wenn der Autor glaubt, daß er "die Legende der Unbesiegbarkeit" der Roten Armee erschüttert hat, befindet er sich in einem verzwickten Irrtum. Der Krieg ist ohne eine gewisse Verminderung der menschlichen Rechte und Würden – sei es auch nur für eine vorübergehende Frist – nicht denkbar. Derjenige Staat, der diese Verminderung am reibungslosesten und am ungestörtesten vornehmen kann, hat einen Vorsprung. Plievier zeigt uns, daß der Mensch in den Augen der Sowjetführung nicht mehr Rücksicht braucht als ein Ameisenschwarm, in den der Stiefel eines Riesen hineintritt. Diese Gleichgültigkeit gegen das Wohlergehen des einzelnen, dieses Hochpeitschen des industriellen Ertrags, dieses Hinopfern ganzer Bevölkerungen und Armeen, diese totalen Umschwünge über Nacht, alles das ist so recht nach dem Herzen des modernen Kriegsgottes. Wir hören sein menschenfresserisches Gelächter, wenn ganze Völker im feurigen Ofen oder im eisigen Schneesturm verschwinden. Geht es um Recht und Unrecht? Unteroffizier Gnotke möchte es gerne glauben, und wir mit ihm. Aber ein Kamerad antwortet ihm: "Der Krieg ist viel zu hart geworden für solche Fragen. Es geht nur noch um das Überleben!" Worauf Gnotke philosophisch meint: "Dann sind wir schlecht dran. Denn die anderen sind mehr und brauchen weniger. Sie leben länger."

Der Leser, durchgerüttelt, hin und her geschleudert, hoffend, verzagend, aber immer Fragen stellend, weiß schließlich nicht mehr, ob nicht Hoffen eine Verblendung und Verzagen eine Form des Realismus ist. Hätte Plievier als der Künstler, der er ist, darauf verzichtet, in die Diskussion einzutreten, hätte er, mit einem Wort, den Glauben an die Gültigkeit der Romanform behalten, so hätte er uns nicht den zahllosen Widersprüchen preisgegeben, mit denen jeder Versuch, die Zeitgeschichte zu ergründen, behaftet sein muß. Sein Buch ragt wie ein gewaltiges Trümmerstück in unsere Ratlosigkeit. Wer darf siegen? Wer kann siegen? Diese Fragen werden schließlich wichtiger als die eine: Wer muß geschlagen werden?

Eben war noch goldener Oktoberhimmel, still und leuchtend dem Fall des Laubes und der nie vertagenden Erwartung neuen Blühens hingegeben. Nun ist die Welt in Finsternis gehüllt, und das Licht des Mitleids, das da entzündet wurde, kämpft mühsam gegen das Erlöschen.

Theodor Plievier: Moskau. Roman. Verlag Kurt Desch, München. 540 Seiten. 16,80 DM.