A. E. Brinckmann: Europäische Humanitas. Dürer bis Goya. (Verlag Kurt Desch, München 1950, 278 S.)

Die Zerklüftung des europäischen Kulturraums und seine offenkundige Gefährdung erlegen den heilsamen Zwang auf, die im Politischen dringlich gewordene europäische Koordinierung durch eine Besinnung im Geistigen vom Odium eines bloßen Notstandsunternehmens zu befreien. Auf Europa als "geistig-sittliches Problem" zielten schon frühere Arbeiten des Kunsthistorikers A. E. Brinckmann. Er ist sich klar darüber, daß es schwer, ja vielleicht unmöglich ist, das Humane auf eine Formel zu bringen, aber auch darüber, daß gerade in der Zeit seiner größten Fragwürdigkeit die Klärung des Humanitasbegriffs geschichtliches Gebot ist. Eine Art Gewissenserforschung des abendländischen Menschen also, die aufzeigen soll, wie weit er vom eigenen Weg abgekommen ist.

Ein bedeutender Sachkenner führt hier den Leser durch die verschütteten Gänge der Entfaltung einer gültigen Humanitas, führt – um nur die Gipfelpunkte zu bezeichnen – von Dürer und Michelangelo über Tizian, Rembrandt, Velazquez, Watteau zu Goya. Alles dient zur gegenseitigen Erhellung und zur Bestätigung der kunstgeschichtlichen Interpretation, deren Anliegen es ist, "zu erfahren, was wir waren, um zu wissen, was wir vielleicht auch heute noch sein können: Wegbereiter europäischer Humanitas".

Erich Köhler