Von Cornelius Colon

Carlo Còccioli: Das Spiel. Roman. (Deutsch von Fritz Jaffé. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 180 S., Leinen 4,80 DM)

Dino Buzzati: Panik in der Scala. (Deutsch von Fritz Jaffé. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 54 S., Stern-Ausgabe, Leinen 4,80 DM.)

Giuseppe Berto: Mein Freund, der Brigant. Roman. (Ins Deutsche übertragen von Charlotte Birnbaum, Claassen Verlag, Hamburg, 226 S., Leinen 12,50 DM.)

Giovannino Guareschi: Enthüllungen eines Familienvaters. (Deutsch von Hans Weigel und Wolfram Bacher. Donau-Verlag, München-Wien, 399 S., 361 Federzeichnungen von Fritz Fischer, Leinen 16,80 DM.)

Italien hat heute eine stattliche Reihe Erzähler von hohem Rang. Werden sie sich ebenso schnell und nachdrücklich in der Weltmeinung zur Geltung bringen können wie der italienische Nachkriegsfilm? Manches spricht dafür, anderes legt ein abwartendes Urteil nahe. Wodurch hat der italienische Film seine führende Stellung gewonnen und behauptet? Durch den Mut, das eben Geschehene auf das Celluloid zu bannen, durch den Verzicht auf die pathetische und sentimentale Gebärde, durch die unbeschönigte Spiegelung des Alltagsdaseins und durch die unbefangene Freude am Spiel, die sowohl in der Entfaltung der technischen Mittel und Tricks wie in den Gesichtern der fast zufällig vor die Kamera geholten Darsteller aus dem Volke zum Ausdruck kommt. Die gleichen Züge haben auch dem Schelmenroman von "Don Camillo und Peppone" zum Welterfolg verholfen. Hier, bei dem Norditaliener Guareschi, kommt noch ein seit Mark Twain nicht mehr dagewesener Reichtum an komischen Einfällen hinzu, eine Genialität der gutartigen Satire, die nach den weitverbreiteten Untergangsprophetien bei aller Schärfe doch etwas ungemein Tröstliches hat. In Guareschis fingierter Selbstbiographie "Enthüllungen eines Familienvaters, vom Training bis zur Meisterschaft erlebt und dargestellt" überpurzeln sich die skurrilen Pointen. Sei es, daß der Gymnasiast Giovannino sich mit der Gymnasiastin Margherita verschwört, immer wieder durch die Prüfung zu fallen, damit der gemeinsame Schulbesuch recht lange dauert, sei es, daß der Journalist Giovannino sich nächtlicherweile von seiner Schreibmaschine bedroht fühlt, der er unterschiebt, daß sie ihn umbringen will, sei es, daß die Ehefrau Margherita den neben ihr stehenden Gatten Giovannino für gestorben hält, weil eine Postkarte, die er ihr geschrieben hat, überfällig ist ("Denkst du nicht", sagt sie zu ihm, "daß ich, wenn du auch lebendig hier bist, mit all deinen Zentimetern und Grammen, gleichwohl deine Witwe sein könnte?") – immer ist in der Burleske ein gemütlicher Unterton, der den Leser lächeln macht.

Der ernste und gemessene Florentiner Carlo Còccioli scheint fast ein Gegenpol zu dem übermütigen Guareschi. Aber schon der Titel seines neuen Buches weist darauf hin, daß sein Ernst nicht aus Verzweiflung und Bitterkeit kommt, wie bei Bernanos, sondern aus der Gelassenheit des skeptischen Weisen. Mit der ruhigen Objektivität, mit der Leonardos Auge auf die Zerrissenheit der Welt sah, sieht Còccioli auf die Menschen in jenem gebirgigen Landstrich Italiens, wo noch das Gesetz des alten Gottes herrscht. "Unser Gott war blind, ohne Augen, ein Sinnbild des großen Spiels, das das Schicksal mit uns treibt." Diese Menschen sind schicksalsfromm, sie fügen sich den Regeln des "großen Spiels" und finden es etwa selbstverständlich, daß ein junges Mädchen ihren Verlobten verläßt, weil er schwindsüchtig ist. Auch der Kranke findet es selbstverständlich, denn eine Frau ist auf der Welt, um gesunde Kinder zu haben. Das Mädchen Lucia allerdings hat die Regeln nur zum Schein. eingehalten. Sie löst die Verlobung, weil sie einem anderen Mann in Haßliebe verfallen ist. " ,Wie das nur gekommen sein mag’, sagt sie selbst, ‚daß wir die Weisheit vergessen haben, uns nicht gegen den blinden Gott aufzulehnen?‘" Aber Lucia sühnt das Ausbrechen aus den Regeln, indem sie sich, mit Schlaftabletten das Leben nimmt, und für die anderen kommt wieder alles ins Geleise. "Hesperia" nennt Còccioli diese Landschaft, in der antike Lebensgesinnung unter heutigen Studenten mitten in Italien fortlebt. Aber sie ist für ihn kein Kuriosum und keine Utopie, sondern ein Gleichnis der immer noch heidnisch-christlich gesicherten Lebensordnung des ganzen italienischen Volkes, ja, vielleicht aller romanischen Völker, wenn nicht des abendländischen Kulturkreises überhaupt. Die Selbständigen, die Einsamen sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Sie fesseln den Beobachter (in diesem Roman den Schriftsteller Fabio, der in Hesperia mit Lucia eine Liebesepisode hat) mehr als die Norm. Aber er wird sie nicht überschätzen, sondern sich auf die Stabilität der uralten Ordnung verlassen.