Von Walter Abendroth

Man hört von Menschen, denen an der Kunst gelegen ist, so oft die Klage, es fehle heute an echter Größe, an Erscheinungen von entscheidender, durchdringender schöpferischer Kraft und geistiger Allgemeinverbindlichkeit. Dem Anschein nach ist diese Behauptung berechtigt. Aber der Schein kann trügen. Das Sichtbare ist nicht immer identisch mit der Wirklichkeit.

Zwar sind die produktiven Kräfte der Menschheit stets begrenzt, und es wäre nicht verwunderlich, wenn in einem Zeitalter, in dem sie sich offensichtlich überwiegend auf Naturwissenschaft und Technik geworfen haben, für die Aufgaben jener, edlen geistigen Spiele, die wir "Künste" nennen, nicht mehr viele übriggeblieben wären. Allein, bei genauerem Hinsehen muß man erkennen, daß durch die Verschiebung des allgemeinen Interesses weniger ein Mangel an künstlerischen Begabungen eingetreten ist, als vielmehr eine Verengung ihres Betätigungsfeldes. Auch in der Kunst haben sich die wissenschaftlich-technischen Probleme vorgedrängt und nehmen die Begabungen über Gebühr in Anspruch. "Über Gebühr" – das heißt: mehr, als der Entfaltung wahrer schöpferischer Größe bekömmlich ist.

Begabungen – talentare und geniale – sind immer da, auch speziell künstlerische; das kann nicht bezweifelt werden. Ein anderes ist die Frage, ob und wieweit sie in der Umwelt Bedingungen finden, die ihrer Entwicklung, ihrer Blüte, ihrer Ausdehnung bis zur "Größe" förderlich sind.

Der kürzlich verstorbene bekannte Musikgelehrte und Kritiker Alfred Einstein hat nicht lange vor seinem Tode ein Buch erscheinen lassen, das der "Größe in der Musik" nachforscht (Pan-Verlag, Zürich, 252 S.). Es ist dem Andenken Jakob Burckhardts gewidmet. Nicht zufällig. Der Autor gibt zu, daß sein Werk dem großen Kulturphilosophen viel verdankt; und unter den klugen, gescheiten, zumeist das Wesen der Sache treffenden Argumenten, mit denen er die Maßstäbe für seine Verteilung der Größenprädikate aufrichtet, zeigen die stärksten das unverkennbare Gepräge Burckhardtschen Denkens. Einem vor allem sei hier, indem wir den Rahmen jenes Buchthemas sprengen, einmal weiter nachgegangen. Einstein sagt, an Burckhardt anknüpfend: "Größe ist möglich in jedem Stadium der Entwicklung der Kunst. Aber bleibende, ‚ewige‘ Größe ist nur möglich, wenn eine abnorme Kraft mit dem richtigen Augenblick der Entwicklung zusammentrifft." Es wird also eine "historische Bedingung der Größe" statuiert. Und das mit Recht. Kein Samenkorn gedeiht auf einem Boden oder in einem Klima, die der zum Keimen drängenden Art nicht angemessen sind. Mit dem geistigen Keimen ist es nicht anders.

Wir dürfen annehmen (vielleicht ließe es sich sogar statistisch nachweisen), daß zu jeder Zeit potentielle Goethes, Beethovens und so weiter herumlaufen, die nicht zur Erfüllung ihrer Möglichkeiten gelangen, weil die ihnen gemäßen Bedingungen nicht gegeben sind. Man darf, noch gewisser, mutmaßen, daß manche Erscheinung "zweiter Größe" eine erster Größe geworden wäre, wenn die Richtung ihrer Begabung nicht schon bei ihren Lebzeiten quer gestanden hätte zur Richtung der allgemeinen Entwicklung; wenn also diese Erscheinung nicht schon zu ihrer Zeit "unaktuell" gewesen wäre. Denn Größe an sich ist nicht an Aktualität gebunden, sondern unterliegt ganz anderen Wertbegriffen; aber ihre Resonanz und damit ihre Stoßkraft – auch in die Zukunft – hängt von der "Richtigkeit" des historischen Standorts ab. Weil Bach schon in den letzten zehn Jahren seines Lebens "überholt" gewesen war, bedurfte es beinahe eines Jahrhunderts, um ihn, den inzwischen in der großen Öffentlichkeit nahezu Vergessenen, wieder zu entdecken. Dies geschah schon einem, der nicht nur eine Größe allererster Ordnung, sondern auch der Vollender einer ganzen von ihm gekrönten Epoche war. Das Musterbeispiel eines idealen Glücksfalls von Zusammentreffen der Größe mit allen Bedingungen ihrer Entfaltung bietet Goethe. Seine Universalität entsprach genau der Tendenz seines Zeitalters. Sie war damals sowohl "aktuell" als auch gerade noch möglich, da noch kein übermächtiger Ballast von täglich gehäuftem Spezialwissen "Allwissenheit" zu dilettantischer Scheinbildung, zu anmaßender Oberflächlichkeit erniedrigte, sondern ein universeller Denker noch wirklich fruchtbar in alle Gebiete der Geistesarbeit hineinwirken konnte. Ebenso der Zeittendenz gemäß war Goethes liberale, humanistische und humanitäre Gesinnung! Dem ’’ungestörten Wachsstum seiner Gaben kamen überdies alle persönlichen Verhältnisse entgegen (womit hier nicht diejenigen gemeint sind, die der Mensch sich selbst schafft, sondern die ihm als Geschenke des Schicksals zufallen): die Herkunft aus einem geistig lebendigen, dazu wohlhabenden Elternhaus mit harmonischer, wohlumzirkelter Lebensordnung; eine Erziehung, wie sie heute auch für noch so viel Geld nicht zu haben wäre und obendrein in ihrem Inhalt wie in ihrer Aufbaufolge sämtlichen staatlich anerkannten Lehrplänen widerspräche; eine materielle Erbschaft, die noch bis in das Alter als Grundstock sorgloser Existenz ausreichte; ein fürstliches Mäzenatentum in einer allgemeinen Atmosphäre des Respekts vor der Unabhängigkeit des Geistes; eine politische Epoche, die lebhaft genug war, immer neue Ideen anzuregen, aber deren Wellenschlag den unbeteiligten einzelnen noch kaum in seiner Bewegungsfreiheit beschränkte; ein heraufsteigendes neues Zeitalter, dessen positive Aspekte die negativen noch völlig überstrahlten. Alles in allem: ein Bild völlig freier Bahn. Es bedarf nur der Untersuchung jedes der genannten Punkte auf seine heutigen Verwirklichungsmöglichkeiten – einer sehr detaillierten, konsequent in die Realitäten der jetzigen Struktur des privaten, staatlichen, politischen und sozialen Lebens vorstoßenden Untersuchung allerdings –, um einzusehen, daß Goethe heute nicht Goethe hätte werden können. Irgendwo wäre seine Entwicklung an eine oder mehrere der harten Umgrenzungen gestoßen, die in unseren Tagen jedem, ausnahmslos jedem Menschen, durch die eben erwähnten Daseinsfaktoren gesetzt sind. Ähnlich glücklich stand der Musiker und Mensch Beethoven zu seiner Zeit. Wenn ihm auch einige der Goetheschen "Geschenke" mangelten: seine Humanität, sein Idealismus waren zeitgemäß; sein geistiger Aristokratismus begegnete der Zeittendenz zur Emanzipation des Künstlertums von soziologischen Fesseln; sein Freiheitsdrang, seine Auflehnung gegen jede durch nichts als durch Macht legitimierte, willkürlich herrschende Obrigkeit fanden begeisternde Nahrung an der Ideologie der Französischen Revolution; seine schöpferische Begabung traf in ihrer Wesensrichtung genauestens mit den Forderungen des musikgeschichtlichen Augenblicks zusammen. Gegenbeispiele – also Beispiele für objektive Größe in schiefer subjektiver Lage zum Zeitgeist (man könnte auch umgekehrt sagen: subjektiver Größe in objektiver Lage) – liefern manche Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts, denen Beethoven das Wesentliche vorweggenommen hatte, ohne daß, da der Schatten des Riesen noch alles in seinem Bann hielt, schon eine neue Richtungnahme der Gesamtentwicklung sichtbar geworden wäre; eine Verlegenheit, die wahrscheinlich auch zu der Abschweifung in das Nebengebiet der Musikdramatik und zur Verirrung in die Programmusik verleitete. Literarische Gegenbeispiele zum Glücksfall Goethe namhaft zu machen, dürfte noch leichter sein.

Was nützen nun solche Betrachtungen? Können sie dazu verhelfen, die unsichtbaren potentiellen Größen unserer Gegenwart sichtbar zu machen? Ihnen die Bedingungen für die Erfüllung ihrer Möglichkeiten zu schaffen? Gewiß nicht. Die pessimistischen Erwägungen Arthur Honeggers (vgl. "Die Zeit" vom 18. September 1952) haben das hinreichend dargelegt. Sie können uns lediglich vor der irrigen Annahme bewahren, die Natur sei karger geworden und geize mit künstlerischen Kräften, die sie früher in verschwenderischer Fülle ausgestreut habe. Die Natur ist konstant. Konstant auch in der Verschwendung. Gibt es eine größere Verschwendung als die fortgesetzte Ausstreuung von Keimen, die niemals zu Blüte und Frucht gedeihen, von potentiellen Größen, die niemals groß werden? Ist es nicht eines der allgemeinen Kennzeichen unserer Zeit, daß bald kaum noch ein Mensch, der eben nicht der wissenschaftlich-technischen Sphäre angehört, die ihm verliehenen Begabungs- und Charakterkräfte voll auswerten, betätigen, an den Mann bringen kann, uneingeschränkt von äußeren Hemmungen, die unausweichlich durch die gesamte moderne Lebensstruktur, ihre politischen, ideologischen, wirtschaftlichen, organisatorischen und bürokratischen Schranken auf alle Wege gewälzt sind?

Auch Einstein kommt am Schluß seines Buches dazu, durchaus gegen die Mutmaßung eines Erloschenseins schöpferischer Größe in der Musik Stellung zu nehmen und an die Geduld im Abwarten ihres erneuten Hervortretens zu appellieren. Was er übrigens, seinem Thema gemäß, nur auf Musik bezogen über die Definition der "Größe" aussagt, gilt – mutatis mutandis – gleicherweise für alle anderen Künste. Es sollte sogar auch für die Kunstkritik gelten, als deren Vertreter sich Alfred Einstein einen sehr geachteten Namen gemacht hat. Wenn etwas den Gewinn schmälert, den das Studium seines Buches jedem Leser, Fachmann oder Laien, vermitteln muß, so ist es der Eindruck, daß der Autor in der praktischen Anwendung seiner Erkenntnisse auf die Wertung großer Musikergestalten nicht immer frei von Beeinflussung durch "der Parteien Haß und Gunst", ja, daß er selbst dabei Partei geblieben ist und sogar persönliche Animositäten in einer Art abreagiert hat, die mit Größe in der Kritik jedenfalls nichts gemein hat. Dies ist ein Schönheitsfehler, vor dem man gewaltsam die Augen schließen muß, wenn man die Verdienste der sonst so bedeutenden Darstellung nutzen will. Man mag es indessen auch als einen weiteren Beleg für die Bedingtheit aller menschlichen Größe hinnehmen.