Tragikomödie des Freiherrn von Knigge

Jeder kennt noch seinen Namen, der Titel seines Hauptwerkes wird immer wieder gern zitiert, aber kaum jemand weiß, in welch tragikomischem Widerspruch zu den Weisheiten seines berühmten Buches "Über den Umgang mit Menschen" sein Leben in Wahrheit verlief.

Als Adolph Freiher von Knigge am 16. Oktober 1752 zu Bredenbek geboren wurde, stand kein guter Stern über seiner freiherrlichen Wiege. Die Eltern starben früh, und sein Erbe war tief verschuldet. Vier Güter hätte er sein eigen nennen können, doch gehörte ihm davon fast nichts, dieweil alle vier zeit seines Lebens nicht aus Zwangsverwaltung herauskamen, die von den Gläubigern seines Vaters verhängt worden war. Daß der junge Adolph in Göttingen noch standesgemäß Jura studieren konnte, mußte er als ein besonderes Geschenk des Himmels und des Herrn Sequester Vogel ansehen. Da er ein kurioses Gemisch von Begabung und Eitelkeit, Ehrgeiz und Leichtsinn, Geltungsdrang und Geschwätzigkeit mit Eleganz in seinem Busen vereinigte, dünkte er sich prädestiniert für eine sublime Stellung bei Hofe und erreichte es tatsächlich, daß er in Kassel als Kammer-Assessor und Hofjunker des Landgrafen Friedrich II. von Hessen gegen kümmerliche Entlohnung angestellt wurde.

Einundzwanzig Jahre war er alt, als er sich mit fieberhafter Betriebsamkeit und ohne jede Erfahrung in der Domänenkammer auf die Gründung aller möglichen Industrie-Unternehmungen warf, wobei eine Porzellanfabrik, die große Mode jener Zeit, natürlich nicht fehlen durfte. Nicht zuletzt wegen des verlockenden Hintergedankens an die geheime Goldmacherkunst, die dem armen Hofjunker sein Leben lang als Fata Morgana vorschwebte. Der Landgraf lobte seinen Eifer (was den großen Herrn nichts kostete), und Knigge sah sich bereits als den kommenden Unentbehrlichen von Hessen-Kassel. Zu früh, denn weniger gut bekam ihm sein naiver Drang, überall eine aimable Rolle zu spielen, auf dem glatten höfischen Parkett. Im Handumdrehen geriet er in ein Wespennest von Intrigen und Kabalen, die er weder durchschaute noch zu meistern verstand. Mit dem beschämenden Resultat, daß er sich eines Abends, gegen seinen Willen und gegen alle Vernunft, mit der völlig reizlosen Hofdame Henriette von Baumbach verloben mußte, die obendrein so arm war wie eine Kirchenmaus und lediglich eine Portion törichter Überheblichkeit und die Ansprüche einer Dame von Welt besaß. Der Hof junker von Knigge heiratete in fliegender Eile die ihm aufgedrungene Braut und legte damit das Fundament zu einer Ehemisere, von der ihn erst sein Tod nach zwanzig Jahren erlöste. Er hatte sich lächerlich gemacht, und es dauerte eine Weile, bis er begriff, daß dies Verbrechen ihn am Hofe zum toten Mann stempelte. Mit vierundzwanzig Jahren verläßt er mehr oder weniger freiwillig den hessischen Hofdienst, begleitet von Geldnöten und Henriette. In Weimar schenkt man ihm aus Mitleid den Titel eines Kammerherrn, wonach besonders Henriette heftig verlangte. Am Hanauer Duodez-Höfchen, wohin man ihn von Weimar aus abschob, kommt er just in dem Augenblick an, der seiner Betriebsamkeit ein fruchtbares Feld zu eröffnen scheint: Prinz Carl von Hessen sucht für seine soeben gegründete Freimaurer-Loge geeignete Helfer und Mitarbeiter. Wer war hierzu geschickter, wer war würdiger als der ewig rasch entflammte und wundersüchtige Knigge?! Eine Loge mit zeremoniösen Geheimnissen und tiefen Erkenntnissen, an denen er als Eingeweihter teil hatte, ein Bund, in dem er eine vom Mysterium umwitterte Rolle spielen durfte – das war es, was er immer schon ersehnt hatte. Sein Eifer lief auf vollen Touren; er schrieb Briefe an alle Welt, verfaßte ausgeklügelte Satzungen, entwarf phantastische Programme zur endgültigen Verbesserung des irdischen Daseins und wurde mit dem Rang eines Ritters "a cygnö" in den hohen Orden der strikten Observanz aufgenommen. Aber – wenn er es bei Licht besah –, wo blieben die entschleierten Geheimnisse, die übernatürlichen Offenbarungen und das begehrte Rezept der uralten Meister des Goldmachens? Knigge versenkte sich insgeheim in verstaubte, alchimistische Werke, richtete sich ein Laboratorium ein und – arrangierte zwischendurch für gelangweilte Hoheiten und galante Damen ein Liebhabertheater, bis leider der Erbprinz eines Tages in seiner Rolle hoffnungslos steckenblieb und die ganze Theaterherrlichkeit ein trauriges Ende nahm. Andere Ärgernisse traten hinzu, und als weder die Loge noch sein alchimistisches Studium ihm zu Ansehen und Schätzen verholfen hatte, verschwand er über Nacht aus Hanau und wanderte weiter auf der Suche nach neuen Göttern und Gönnern.

Die Sucht, geheime Gesellschaften und mysteriöse Ordensbunde mit verschwenderischem Ritual und höchst nebulosen Zielen zu gründen und zu verbreiten, war zu jener Zeit verbreitet und gehört in dem Jahrhundert nüchterner Aufklärung und des kühlsten Rationalismus zum Gesamtbild der Epoche als Revolte unbefriedigter Gefühlskräfte. Wenn der halb närrische Professor Adam Weishaupt in Ingolstadt einen Illuminaten-Orden ins Leben rief und den leichtgläubigen Knigge dazu brachte, unter den Großen von Weimar sowie in ganz Norddeutschland mit Erfolg Adepten zu werben, so ist das nicht weiter verwunderlich. Aber daß Knigge das Spiel weitertrieb, als er schon wußte, daß der ganze Orden nur in der Phantasie des Herrn Professor Weishaupt existierte und die geheimnisvollen, weisen Oberen eitel Luftgebilde waren – das zeigt doch, wie sehr Eitelkeit und Furcht vor der Blamage den charakterlich Schwachen beherrschten. 1784 trat er aus dem eigentlich nicht existenten Illuminaten-Orden aus, dem von Bayern die Ehre angetan wurde, wegen staatsgefährlicher Lehren verboten zu werden.

Vier Jahre später setzte sich Knigge an seinen oft mißbrauchten Schreibtisch, überdachte alle Irrungen und Fehlschläge seines Lebens, die er seiner schlechten Menschenkenntnis verdankte, und schrieb zu Nutz und Frommen seiner Leidensgenossen das Buch "Über den Umgang mit Menschen", das ihn zum berühmten Manne machte und worin er weitschweifig die Vorsicht und Klugheit predigt, die er selbst zu seinem späteren Bedauern nie geübt hatte. 1790 fand er in Bremen als Land-Droste, Scholarch und Oberhauptmann ein Refugium und bescheidene Sicherheit des Lebens. Aber schon war er ein kranker, von Nöten und Kämpfen früh verbrauchter Mann, der wenige Jahre später, am 6. Mai 1796, an einem Nervenfieber starb, mit noch nicht vierundvierzig Jahren und bereits halb vergessen.

E. A. Greeven