Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende Oktober

Ein kompakter, breitschultriger, schwerer Mann – das ist Walter Freitag, der neue Chef der Gewerkschaften. Als ihm sein Vorgänger, der kleine, bebrillte Christian Fette, der fünf Tage lang in der Berliner "Saarland"-Halle am Funkturm um die Gunst der 356 Gewerkschaftsfunktionäre aus der Bundesrepublik und Berlin gekämpft hatte, unmittelbar nach der dramatischen Kampfwahl gratulierte, mußte er zu dem beinahe um einen Kopf größeren, wuchtigen Chef der Metallarbeitergewerkschaft, Freitag, aufblicken. Der ehemalige Buchdrucker Fette, der nach dem Tode des ersten und allseitig verehrten Gewerkschaftsführers Böckler nur eineinviertel Jahr auf dessen Stuhl gesessen hatte, mußte dem früheren Werkzeugmacher aus dem – wie alle bisherigen Wahlen erwiesen haben – gleichbleibend radikalen Remscheid weichen.

Aus der mächtigsten Industriegewerkschaft, der Gewerkschaft mit den größten Organisationszahlen, kommt Walter Freitag. Die knapp hundert Metall-Delegierten, die mit ihm den geschlossensten und größten Block des Kongresses in Berlin stellten, waren zum zweiten Bundeskongreß des DGB nach Berlin gekommen mit der festen Absicht, die Fette-Führung durch eine Freitag-Führung zu ersetzen. Wer auch immer nach dem dreistündigen Rechenschaftsbericht Fettes in der zweitägigen Diskussion von den Metallarbeiterführern auf die Rednertribüne stieg – und prozentual die meisten Debatteredner kamen aus der Gewerkschaft Metall –, zog gegen den Fette-Kurs vom Leder.

Die politische Physiognomie Freitags scheint ungleich eindeutiger, als es die seines Vorgängers war. Wohl ließ Fette gelegentlich, wenn auch beinahe verschämt, merken, daß er Sozialdemokrat sei. Bei Freitag war und ist solche Visitenkarte nicht notwendig, denn er sitzt als Mitglied der SPD-Fraktion im Bundestag. Ob diese eindeutige politische Profilierung des neuen DGB-Vorsitzenden nicht notwendig die künftige Politik der Gewerkschaften beeinflussen wird, ist jetzt natürlich die Frage Nummer eins. Freitags Äußerungen vor und nach seiner Wahl verlangen deshalb eine um so genauere Sondierung. Vielleicht laßt sich das Diskussionswort des Metallarbeiterführers Freitag: "Die Gewerkschaften sind nicht dazu da, das gutzumachen, was die Bevölkerung bei der Wahl versaut hat", mit einem Wort verbinden, das der DGB-Vorsitzende Freitag wenige Tage später äußerte: "Die gewerkschaftliche Krise der letzten Zeit bestand ja darin, daß die Gewerkschaften zu viel versucht haben, in die Politik hineinzugehen, für die die Parteien zuständig sind." Freitag sagte: die Parteien. Aber das, was von ihm und anderen direkt oder indirekt immer wieder auf dem Kongreß ausgesprochen worden ist, galt dem Zweck, die Partei zu fördern, die heute keine Regierungsverantwortung trägt, die SPD. Daß Freitag die Gewerkschaften auf rein gewerkschaftliche, soziale und wirtschaftliche Aufgaben beschränken, daß er ihnen eine politische Abstinenz anempfehlen werde, ist allerdings eine unberechtigte Erwartung, denn Freitags heftige Angriffe gegen das "Einmischen gewerkschaftlicher Sonntagsredner in politische Dinge" deckt sich einstweilen nur haargenau mit dem, was die SPD der Bundesregierung ankreidet: die Frage des Wehrbeitrags und der Montanunion vornehmlich und dann das Betriebsverfassungsgesetz. Die Beteiligung der Gewerkschaften an der Montanunion freilich brachte nur ein verspätetes und in mancher Hinsicht sogar peinliches Grollen zustande, denn schließlich sitzt Freitag selber im Beirat der Montanunion. Als er den Initiator für die gewerkschaftliche Mitarbeit an der europäischen Gemeinschaft, vom Hoff, nach Luxemburg verabschiedete, hatte der radikal scheinende Freitag sogar die politische Sachlichkeit, dem europäischen Werk der Montanunion seine und der Gewerkschaften Respekt zu zeigen.

Und was den Draht nach dem Osten, zum FDGB in Ostberlin und zur Staatsgewerkschaft der Ulbricht und Pieck, angeht, so knüpft auch Freitag nicht wieder, was offensichtlich die ganze Arbeiterschaft zerschnitten hat, denn selbst die vereinzelt Anträge auf dem Kongreß, mit dem Osten in ein politisches Gespräch zu kommen, ebenso wie die Versuche, den Gewerkschaftskongreß zu einer Entschließung gegen den deutschen Wehrbeitrag zu veranlassen, verfielen mit überwältigender Mehrheit der Ablehnung. Wohl kamen aus Freitags Metallarbeitergewerkschaft vereinzelte Klänge östlicher Terminologie, aber der Vorsitzende selber wußte sie zu ignorieren. Das gewerkschaftliche Bekenntnis gegen die kommunistische Vergewaltigung der Arbeiterschaft ist eindeutig. Hätte nur dies zur Debatte gestanden, wäre jeder Kandidat, Freitag oder Fette, mit Einstimmigkeit gewählt worden. Daß aber Freitag 184 und Fette 154 Stimmen bekam, das kennzeichnet die innere Auseinandersetzung und die großen Meinungsverschiedenheiten, die in den Gewerkschaften herrschen.

Von der parteipolitischen Neutralität, die ein Prinzipienstatut ist, wurde immer wieder beschwörend, aber auch drohend gesprochen. Freitag tat es wie viele andere. Doch daß gerade er die Macht der einen, der einzigen, der konkurrenzlosen Gewerkschaft damit versteht, das war offenkundig. Wenn es eine ganze Reihe von diskutierenden Gewerkschaftsdelegierten gab, die meinten, aus dem Betriebsverfassungsgesetz ließe sich Nützliches auch für die Arbeitnehmer machen, so ist es gerade Freitag, der dies Betriebsverfassungsgesetz und den erst inszenierten und dann abgestoppten Streik dagegen als die entscheidende Niederlage der Gewerkschaften gegen den "Staat der Unternehmer" betrachtet. Mochte sich in einer großen Gruppe der Delegierten auch Verständnis und Mitdenken in neuen wirtschaftspolitischen Entwicklungen spiegeln – bei Freitag hat offensichtlich das Sentiment der Herkunft aus einem früher klassenbewußten Lebensbezirk noch einen sicheren Platz.

Allerdings wird der bislang in der inneren Gewerkschaftsopposition unbeschränkte Freitag jetzt als der Verantwortliche auch der Partner für die Gespräche mit der Gegenseite sein. Freitags Referenz vor der Montanunion, die ein Werk der "Gegenseite" ist, zeigt, daß er kein Parteidogmatiker ist. Die großen wirtschaftspolitischen Entscheidungen der nächsten Monate werden zeigen müssen, ob die Gewerkschaften unter Freitag Sozialpartner, "Staat im Staate" oder die Hilfstruppe einer Partei sind.