Dieses Jahr kommt die "Woche des Buches" (26. Oktober bis 3. November) in eine Zeit, die dem Buch günstiger geworden ist. Eine Umfrage des Instituts für Publizistik in Münster hat ergeben, daß der Deutsche des Bundesgebietes heute durchschnittlich im Monat 6,75 DM für Bücher ausgibt, dagegen nur 3,47 DM für Filmbesuch und nur 2,99 DM für Sportveranstaltungen. An dieser erfreulichen Entwicklung haben gewiß die billigen Buchreihen einen wichtigen Anteil. In einigen Städten haben daher auch die Buchhändler den guten Gedanken gehabt, während der Woche des Buches Lastkraftwagen mit billigen Buchreihen durch die Straßen fahren zu lassen und mit dem Verkaufsgewinn den Fonds zugunsten ostzonaler Flüchtlinge zu stärken. Das Buch kann also heute bereits von seinem Reichtum abgeben. Wie es dahin gekommen ist, davon berichtet uns ein Mann, der schon vor Jahren und auch jetzt wieder den Anstoß gab: der Hamburger Verleger *Christian Wegner.

Der im deutschen Buchhandel fast beispiellose Erfolg der billigen Taschenbuchreihen hat auch die Buchhändler überrascht. Jahrzehntelang hatte die Überzeugung bei ihnen geherrscht, nur das wertvoll gebundene Buch lasse sich in Deutschland verkaufen. Die meisten der immer mehr entstehenden Buchgemeinschaften glaubten sogar, ohne den Halblederband selbst für den Roman nicht auskommen zu können, um ihre Leserschicht zur regelmäßigen Abnahme einer bestimmten Anzahl von Büchern zu veranlassen. Und nun hört man plötzlich, daß von der Fischer-Bücherei, deren erste Bände im März des Jahres erschienen, schon über 1 Million Exemplare verkauft sind, daß von den rororo-Taschenbüchern während der Geschäftszeit alle fünf Sekunden ein Band seinen Käufer findet, und daß auch von anderen Verlegern (Paul List, Herbig) ähnlich ausgestattete billige Buchreihen und Einzelausgaben mit großem Erfolg herausgebracht werden.

Man hat als Vorläufer der Taschenausgaben jene wohlfeilen Reihen bezeichnet, die schon vor 1914 Werke der schönen Literatur enthielten: die Insel-Bücherei, S. Fischers Romanbibliothek, die Ullstein-Bücher u. a. Aber diese Serien brachten entweder nur kleinere Werke erzählender Literatur oder ausgesprochene Unterhaltungslektüre. Das eigentliche Vorbild der heutigen Taschenausgaben liegt anderswo. Fast hundert Jahre lang hatte die Firma Bernhard Tauchnitz in Leipzig regelmäßig jeden Monat vier Bände der zeitgenössischen englischen (und später auch amerikanischen) Romanliteratur in Nachdrucksausgaben herausgebracht und sie überall in der Welt außerhalb des britischen Empire und der USA vertrieben. Diese Bände waren broschiert wie französische Bücher, aber ringsherum beschnitten, so daß sie sofort aufgeschlagen und gelesen werden konnten. Viele werden sich noch der Bände mit schlichten weißen Umschlägen erinnern, die aus der Hand jedes auf dem Kontinent reisenden Engländers nicht wegzudenken waren. Während des Jahres 1930 hatte ich die Leitung des Tauchnitz-Verlages innegehabt; es war sehr bald zum Bruch mit den Familienmitgliedern gekommen, die in ihren Erbanteilen am Verlage nur eine sichere Geldquelle sahen, ohne zu begreifen, daß es neuer Maßnahmen bedurfte, um das ehrwürdige Unternehmen am Leben zu erhalten. So wagte ich es schon 1931 mit Hilfe englischer Freunde, einen neuen Verlag in Hamburg und Paris zu gründen, der nun in moderner Form das beste angloamerikanische Schrifttum unserer Zeit herauszubringen unternahm: die Albatros Library. Auch diese Bände waren kartoniert, aber das Format war schmal und schlank geworden, so daß der Band leicht in der Tasche getragen werden konnte, die Umschläge zeigten durch ihre verschiedenen Farben an, welcher Kategorie das Buch zugehörte (z. B. waren Liebesromane blau, Kriminalgeschichten rot), und ein dreisprachiger Text auf der Umschlagklappe unterrichtete Buchhändler wie Leser genauer über den Inhalt. Es schien das Ei des Kolumbus für den billigen Buchtyp gefunden zu sein, und sehr bald entstanden in den verschiedensten Ländern ähnlich aussehende Buchreihen annähernd gleichen Formats: in Italien die Corbaccio-Bücher, die statt des Albatros-Signets einen Raben zeigten, sonst aber unseren Bänden zum Verwechseln ähnlich sahen, sowie die Sammlung Mondadori; in England die Penguin books, die nun dadurch, daß sie im eigenen Sprachgebiet herauskamen und sehr viel höhere Auflagen riskieren und verkaufen konnten als eine Continental Edition, auch wirklich billig wurden. Sixpence schien fast unmöglich niedrig als Preis für einen vollständigen Roman, und die Sammlung wuchs rasch an und vergrößerte ihr Programm von Monat zu Monat. Dann erst folgten die Amerikaner: ihre Pocket books kosteten kaum mehr als die englischen Bände. Sie zeigten zum erstenmal das farbige Bild auf dem Umschlag, dazu oft einen kurzen, schlagwortartigen Text. Immer bunter wurden die Bilder der zahlreichen Sammlungen drüben, immer mehr meinte man, ohne ein sex-betontes Bild nicht genügend reißerische Anziehungskraft zu besitzen, um auch den unliterarischen Leser zum Kaufe reizen zu können. Aber die Auflagen wuchsen höher und höher, und nach dem Kriege drangen diese Bücher auch über den Atlantik in die europäischen Länder. Hatten anfangs noch die Autoren Bedenken gehabt, ihre Bücher so billig zu veröffentlichen, so wurden sie bald durch den Erfolg belehrt, daß die Honorareinnahmen aus den billigen Nachdruckausgaben die Honorare der teureren Originalausgaben häufig erheblich überstiegen. Immer mehr Verleger und Autoren entschlossen sich daher, den Verlagen der billigen Taschenausgaben Nachdrucklizenzen zu erteilen.

Das Problem, gute Literatur zu billigen Preisen einer breiten Leserschaft zugängig zu machen, hatte mich schon in den zwanziger Jahren, da ich die Insel-Bücherei betreute, immer beschäftigt.

Als mich Dr. Gottfried Bermann Fischer daher im Sommer vorigen Jahres aufforderte, mit dem S. Fischer Verlag zusammen einen deutschen Taschenausgabenverlag zu starten, stimmte ich mit Freuden zu. Ernst Rowohlt, mit dem mich in Hamburg eine jahrelange kollegiale Freundschaft verband, begrüßte es, daß die Fischer-Bücherei ebenfalls in Hamburg hergestellt und vertrieben wurde. Er hatte mit seinen Rotationsromanen auf Zeitungspapier den Anfang gemacht. Jetzt kam die Fischer-Bücherei mit Bänden, die im Buchdruck auf besserem Papier gedruckt waren. Hatten schon die Albatros-Bände seinerzeit Aufsehen durch ihre fast bibliophile Druckgestaltung erregt, so erfreuten sich jetzt die deutschen Leser am Satz in abwechslungsreichen Schriftarten und in verschiedenen Schriftgraden. Im Gegensatz zu den amerikanischen Bänden wurden die Umschläge von bekannten Graphikern mit künstlerischer Verantwortung entworfen. Das Wichtigste aber: Titel bedeutendster Autoren erschienen zu einem Preis, der für jedermann erschwinglich ist, und keine größere Freude konnte dem Verleger erstehen als z. B. die Mitteilung eines Essener Buchhändlers, daß er fünfmal an einem Nachmittag einem jungen Bergarbeiter den in der Fischer-Bücherei erschienenen Roman Zuckmayers "Herr über Leben und Tod" zum Preis von 1,90 DM verkauft habe. Und daß die große Auflage von Albert Schweitzers Lebenserinnerungen, die soeben erscheinen, bereits Monate vorher durch Vorausbestellungen des Buchhandels ausverkauft ist, zeigt, daß gerade das gewichtige und nicht nur der Unterhaltung dienende Buch seinen Weg in neue Leserkreise findet.

Kann man besser beweisen, daß hier Menschen an das gute Buch herangeführt werden, die bisher fernstanden? Besonders die Jugend, die akademische ebenso wie die kaufmännische und die gewerbliche, wird als Leserschaft gewonnen. Aber auch die breite Schicht der Beamten und Festbesoldeten betritt wieder ohne Zögern den Buchladen. Über die Taschenbücher führt der Weg zur Freude am Buch überhaupt und zur Lust am Erwerb auch mancher kostspieligeren Ausgabe im schönen Einband. Christian Wegner

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