Ruth Herrmann: Sterne im Brunnen, Roman. (Christian Wegner Verlag, Hamburg. 222 S., Leinen 9,80 DM.)

"In habe heute mittag eine ganze Zeit vor dem Spiegel im Badezimmer undurchdringliches Gesicht’ geübt. Jetzt kann ich es. Ich habe mich genau geprüft vor dem Spiegel. Nie im Leben würde ich mir anmerken, was für Erlebnisse ich schon hinter mir habe ..."

Es gibt Bücher, an deren Kern man vorbeiliest, wenn man nicht den Ton in sich aufnimmt, auf den sie gestellt sind. Der eben zitierte Bericht der Icherzählerin von ihrem Selbstunterricht in der Kunst des Verstellens läßt besonders deutlich erkemen, welchen Ton Ruth Herrmann in ihrem behutsamen kleinen Entwicklungsroman bis an den Schluß durchhält: ein Mädchen spricht über die Erlebnisse vor der Schwelle des Erwachsenseins aus seiner eigenen ahnungslosen und zugleich doch schon altklugen Mädchenperspektive. Das ist wie eine Wanderung auf einem schmalen Grat, denn es setzt bei der Autorin, die eine solche Wanderung unternimmt, nicht nur eine ungemein scharfe Erinnerung voraus, sondern auch genaue Selbstbeobachtung und den wachsamen Verzicht auf Einmischung aller späteren Erkenntnisse. Sie muß ganz von dem absehen können, was sie heute ist, und die Dinge noch einmal so erleben, wie sie sie damals erlebt hat. Nicht viele werden solche Entsagung aufbringen möger.. Ruth Herrmann hat eine sichtliche Freude daran Ganz ohne die fatale Überheblichkeit, von der de meisten Schriftsteller befallen werden, wenn sie über Kinder schreiben und deren Welt als näher dem Paradiese schildern, zeigt sie, wieviel Leiden an der Unfertigkeit und wieviel Verlangen nach dem Wissen der Großen die Welt des Kindes in ständige Unruhe bringt. Seine Waffe ist der Sarkasmus; sein Spott über die Schwächen seiner Umgebung und der Schabernack, den es mit ihnen treibt, erscheinen bei Ruth Herrmann mit einer feinen psychologischen Wendung als die Rache des Kindes dafür, daß es noch nicht in den Kreis aufgenommen ist.

Elisabeth Völcker, die kleine Heldin, ist ein durchschnittliches Mädchen, ein wenig häßlicher, ein wenig linkischer als ihre Freundinnen, auch die Begebenheiten, von denen ihre Jugend erfüllt ist, sind unscheinbar, kleine Flirts mit Altersgefährten und die Schwärmerei für eine Lehrerin – nirgends wird der Rahmen gesprengt, und auch die innere Verarbeitung beweist keine ungewöhnlichen Stärkegrade des Gefühls. Das hat Ruth Herrmann mit feiner Absicht getan und damit die Gültigkeit des Bildes von der seelischen Verfassung Fünfzehnjähriger aus dem Bürgertum der zwanziger Jahre erreicht. Einen Verlust hat sie dabei in Kauf – nehmen müssen: ein dramatischer Handlungsbogen ließ sich nicht führen. Episode reiht sich an Episode, jede in sich ausgefeilt und typisch, die meisten bezogen auf das Erwachen erotischer Empfindungen. Das große Geheimnis der Liebe wird von immer neuen Schleiern verhangen, erst auf den letzten Seiten versucht die junge Erzählerin seine Wirklichkeit anzudeuten. Elisabeth Verden