Amold Künzli: Die Angst als abendländische Krankheit. (Rascher Verlag Zürich, 290 S., Leinen 12,50 DM.)

Auf dem Hintergrund der Ereignisse unseres Jahrhunderts hat sich die Überzeugung, daß die Angst ein Urphänomen der menschlichen Existenz überhaupt sei, mehr und mehr vertieft.

Als Kierkegaard vor gut einhundert Jahren den Versuch wagte, die von seinem großen Antipoden Hegel vergessenen oder verdrängten Urgegebenheiten der Sorge, der Einsamkeit, der Angst und der Unerlöstheit für den Menschen wiederzuentdecken, hat er vorweg die ganze Problematik der Ungeborgenheit des modernen Menschen halb dichterisch, halb philosophisch durchreflektiert. Künzli versucht, dieses Kierkegaardsche Leiden in Beziehung zu bringen zur Existenzproblematik des modernen Europäers.

Das Biographische wird ihm zum Material für den "Fall" Kierkegaard; es soll über die Gründe und die Kräfte dieser Krankheitsgeschichte Auskunft geben, um dann für einen ganzen geistigen Typus, nämlich den modernen Intellektuellen, die begrifflichen und anschaulichen Zeichen zu liefern. Die Krankheitssymptome der Kierkegaardschen Existenz bilden hier das Verständigungsmittel über die Tragik Europas.

Kierkegaard hat zeitlebens unter dem Alpdruckeiner unglücklichen Erziehung gelitten, die er dafür verantwortlich machte, "nie wahrhaft Mensch geworden zu sein", Seine unglückliche Liebe, seine Verachtung alles Triebhaften, seine neurotische Askese erscheinen auf dem Hintergrund einer krankhaften Verdrängung des Mutterbildes. Sein Wüten gegen das Familienleben beruht auf der Identifizierung des Geschlechtlicher mit dem Primitiven. Der "Mutterkomplex" verschließt jede Gemeinschaft, verhindert jede Bindung. Der Intellekt wird an der Verdrängung des weiblichen Seelenteils überkompensiert. In dem Maße, wie die Mutter dem Bewußtsein entschwindet, gewinnt die Auseinandersetzung mit dem Vater an Raum. An der pietistischen Frömmigkeit und der pessimistischen Schwermut des Vateis entzünden sich die Selbstvergewaltigung und die Zerrissenheit von Diesseits und Jenseits des Sohnes, nährt sich der unüberbrückbare Abgrund von Natur und Geist, von Schöpfer und Geschöpf. Die pietistische Erziehung erstickt die kindliche Seele durch die Last einer krankhaften Religiosität, und das Leiden wird zum einzigen Kriterium der Selbstgewißheit. Von seinem Vater sagt Kierkegaard einmal, daß "ein schwermütiger Greis aus Liebe ihn so unglücklich gemacht habe".

Das Fazit aller dieser von Künzli sehr sorgfältig untersuchten Momente ist die Angst als Motor und als Symptom der Zerspaltung der Persönlichkeit. Kierkegaard nahm für sich eine Einordnung dieses Phänomens in den geistigen Raum des alttestamentarischen Gottesbewußtseins vor. Dem modernen Menschen ist das nicht mehr möglich. Wir stehen in einem Zwischenstadium, das durch die Heideggersche Definition von der Angst als dem "Fieber der Freiheit" charakterisiert ist. Leo Nitschmann