Von Margot Benary-Isbert

Wenn man nach einer Reise kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten das schöne Hügelland um Philadelphia besucht, fühlt man sich nach all dem Fremden heimatlich angerührt. Es ist nicht allein die anmutige Landschaft, die ein wenig an die Vorhügel unserer Mittelgebirge erinnert; es sind nicht allein die großen, sauber gehaltenen Höfe mit ihren blitzblanken Häusern und Scheunen, die an ihren Giebeln altertümliche und doch vertraute Zeichen tragen. Man muß in den freundlichen Dörfern noch andere Bilder sehen, die dem Besucher vertraut erscheinen: An einer Straßenecke steht eine Gruppe Frauen in langen, weiten Kleidern, das wollene Dreiecktuch an Stelle des Mantels umgeschlagen, den Kopf von einer großen Haube bedeckt; ein hochrädriges Pferdewägelchen fährt dahin, das man hier buggie nennt, gelenkt von einem Mann in gravitätischem, langem Rock. Und plötzlich weiß man, wo man dies alles so oder ähnlich gesehen hat: auf alten deutschen und holländischen Bildern. Auch erinnert man sich, daß nicht viel anders gekleidet heute noch die hessischen oder alemannischen Bauern in Deutschland sonntags zur Kirche gehn. – Man ist mitten im Land der Pennsylvania-Deutschen. Wer in Deutschland weiß etwas von dieser Volksgruppe, die, mitten im Schmelztiegel Amerika, seit 200 Jahren und länger ihre Religion, ihre Kultur, ihre alten Gebräuche und ihre Sprache bewahrt hat?

Die Wurzel der Lebenshaltung der Pennsylvania-Deutschen liegt im Religiösen. Sie sind einst wegen Glaubensverfolguungen aus der alten Heimat ausgewandert. Sie suchten ein Land, in dem sie frei ihrer Überzeugung leben konnten, und sie fanden es in dem neuen Kontinent, wo Penn, der Gründer der Quäker, sie aufnahm und ihnen Siedlungsland gab. Das Land war fruchtbar, und da die meisten der Eingewanderten in der alten Heimat Bauern gewesen waren, fingen sie an, dieses Land so zu bebauen, wie sie es gewohnt waren.

Drei Gruppen gibt es, die durch Tracht und Lebensweise am meisten auffallen: Die Wiedertäufer, die Amish und die Dunkards, die sich selbst die "Brüder" nennen, bilden die erste Gruppe.

Der Name Dunkard erinnert an die Erwachsenentaufe im Fluß: die Täuflinge werden getaucht, getunkt. Alle aber zählen zu den "plain peoble", den "schlichten Leuten". – Die zweite, die größere Gruppe der Pennsylvania-Deutschen sind die "Weltlichen"; das sind die Reformierten, die Lutheraner und die Evangelischen. Schließlich gibt es noch eine dritte, kleinere Gruppe mährischer Hussiten, deren Vorfahren einst vom Grafen Zinzendorf in Sachsen aufgenommen worden waren und dort Herrnhut gegründet hatten. Als sie später auch dort Verfolgungen ausgesetzt waren, wanderten viele nach Pennsylvanien aus.

Die Wiedertäufer, die Mennoniten, haben schon Anno 1683 Germantown gegründet, die erste deutsche Siedlung in Amerika. Der größte Teil der Mennoniten-Einwanderung fand aber erst zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts statt. Die armen Wiedertäufer wurden ja im westlichen Europa sowohl von Katholiken als auch von Protestanten verfolgt. Sie hatten allen Grund, Europa den Rücken zu kehren, und sie wollten doch nichts anderes, als ungehindert ihrem Glauben leben, einfach, hilfsbereit und arbeitsam. – Müßiggang gilt noch heute bei ihnen als "aller Laster Anfang" und eine der schwersten Todsünden. Die Härten, die sie in der Vergangenheit von der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit erdulden mußten, sind so unauslöschlich in ihrem Bewußtsein verankert, daß sie jetzt noch jede Beschäftigung mit politischen und staatlichen Angelegenheiten ablehnen. Sie wählen nicht und nehmen kein Amt an. Alle sind kompromißlose Pazifisten, wodurch sie schon im amerikanischen Bürgerkrieg in schwere Konflikte kamen. Auch in den beiden Weltkriegen verweigerten sie Militärdienst mit der Waffe, stellten sich aber bereitwillig für alle Hilfsorganisationen und zur Krankenpflege zur Verfügung und haben auf diesen Gebieten Großes geleistet. Sie waren die ersten, die in Amerika gegen die Sklaverei protestierten, zu einer Zeit, als selbst ihre Quäkerfreunde Sklavenarbeit noch als gottgewollte Einrichtung ansahen. Niemals hat ein Mennonit Sklaven gehalten. Auch heute vertreten sie den Standpunkt, daß ein ordentlicher Bauer allein mit seiner Arbeit fertig werden muß, und sie beschäftigen nur in Notfällen fremde Hilfskräfte auf ihren Höfen. Vater und Söhne arbeiten in Feld und Hof, Mutter und Töchter im Haus und Garten; da die meisten Mennonitenfamilien kinderreich sind, geht das ausgezeichnet. Ihre Häuser sind geräumig und tadellos gehalten, aber ohne allen modernen Komfort: sie haben weder Zentralheizung (oft ist der einzige heizbare Raum die große Küche) noch elektrisches Licht, kein Badezimmer und kein Telefon. All das wird nämlich als Teufelsmachwerk abgelehnt, wie auch jede Motorisierung. Selbst Fenstervorhänge und Tapeten gelten als weltlicher Luxus. Es hängt kein Bild an den geweißten oder blaugestrichenen Wänden, auch kein Familienbild, keine Photographie

Übrigens sind die Pennsylvania – Deutschen trotz der fehlenden Badezimmer sprichwörtlich sauber. Sie lieben ihr Land und ihre Höfe mit einer zähen, trockenen und unsentimentalen Bauernliebe. Es kommt selten vor, daß ein Hof verkauft wird. Ihr Hauptmitbringsel nach Amerika war ihre Art, das Land zu bebauen und zu pflegen.