Nach dem Kriege ist die europäische Wirtschaft großenteils mit Hilfe amerikanischer Kredite und Schenkungen an die europäischen Länder wieder aufgebaut worden. Von einer Gesamtsumme von 32,7 Mrd. $ in der Periode 1945 bis 1951 kamen 26,4 Mrd. oder rund 80 v.H. auf die Marshall-Plan-Länder. In diesen 26,4 Mrd. sind von 1948 ab 16,7 Mrd. $ oder 63 v. H. ERP-Gelder enthalten. Nach Beendigung des ERP-Programms am 30. Juni 1952 ist Europa gezwungen, den weiteren Aufbau und den Ausgleich seiner Zahlungsbilanz aus eigener Kraft zu bewerkstelligen.

In diesem Zusammenhang entsteht die Frage, ob die Schließung der Dollarlücke durch eine Intensivierung des Austausches mit dem Dollarraum direkt erreicht werden kann, d. h. praktisch mit den USA, die 1951 beispielsweise über 60 v. H. der deutschen Ausfuhr nach diesem Raum aufgenommen haben. Die USA brauchen einerseits gewisse Rohstoffe sowie Nahrungsmittel und andererseits Absatzmärkte für ihre Fertigwaren. Dasselbe trifft aber auch für Europa zu. Obwohl sich beide Wirtschaftsgebiete im Sinne einer internationalen Arbeitsteilung nicht ergänzen, sollte bei entsprechender Anpassung an die Marktbedingungen die Möglichkeit einer Erweiterung des Warenaustausches zwischen Europa und den USA gegeben sein. Zu diesem Zweck ist im Interesse der Schaffung eines einheitlichen freien Weltmarktes und einer Erweiterung des internationalen Warenaustausches an die USA grundsätzlich die Forderung einer Senkung der z. T. überhöhten Zollsätze zu richten. Man wird sich allerdings darüber klar sein müssen, daß von der gesamten Einfuhr der USA (1951: 10,8 Mrd. $) allein 83 v. H. der Einfuhr aus Rohstoffen, rohen und verarbeiteten Lebensmitteln und Halbfabrikaten bestehen, die kaum zollbelastet sind. Der Hauptansatzpunkt liegt bei den Fertigwaren, die 17 v. H. der Gesamteinfuhr ausmachten. Die Zollsenkung in dieser Gruppe würde zwar größere Absatzchancen für den europäischen Export nach den USA ergeben, aber wohl keinen derartigen Einfuhrsog verursachen, daß damit der größte Teil der Dollarlücke ausgefüllt werden würde.

Die Lösung des Problems der Unterbilanz im Austausch Dollarraum–Europa kann nur in der allgemeinen Hebung des Absatzes europäischer Waren und der Entwicklung neuer Absatzmärkte für Europa gesucht werden. Ein Glied in der Kette der Bemühungen um Absatzerweiterung ist auch die Belebung des West-Ost-Handels. Dabei soll selbstverständlich der Handel mit dem Osten in strategischen Gütern nach wie vor ausgeschlossen bleiben. Der Anteil der europäischen Ostblockstaaten am Außenhandel Großbritanniens ist in der Zeit von 1938 bis 1951 in der Einfuhr von 5,7 v. H. auf 2,4 v. H., in der Ausfuhr von 4,5 v. H. auf 0,6 v. H. zurückgegangen. Bei Frankreich sind die entsprechenden Zahlen: Einfuhr 2,6 v. H. und 1,1 v. H.; Ausfuhr 3,6 v. H. und 0,9 v. H. Der Ostblockanteil an der deutschen Einfuhr sank im Jahre 1951 gegenüber 1936 von 16,6 v. H. auf 4,4 v. H. und in der Ausfuhr von 16,0 v. H. auf 5,0 v. H., während der Anteil der westlichen Hemisphäre an der westdeutschen Einfuhr in der gleichen Zeit von 18,6 v. H. auf 29,4 v. H. (darunter der Anteil der USA und Kanadas von 5,9 v. H. auf 20,0 v. H.), an der westdeutschen Ausfuhr aber nur von 15,0 v. H. auf 18,2 v. H. (darunter USA und Kanada von 4,3 v. H. auf 7,5 v. H.) stieg.

Seit 1948, dem Beginn der Marshall-Plan-Periode, hat sich eine entscheidende Wendung in der handelspolitischen Orientierung der Ostblockstaaten vollzogen. Diese Länder, die vor dem Kriege zu einem erheblichen Prozentsatz ihres Außenhandels mit Westeuropa verbunden waren (1938 mit 55 bis 75 v. H. ihrer Gesamteinfuhr und 60 bis 85 v. H. ihrer Gesamtausfuhr), mußten sich auf stärksten sowjetischen Druck hin nach Osten orientieren.

Der Handel der Ostblockländer untereinander bewegte sich 1938 zwischen 7 und 20 v. H. ihrer jeweiligen Gesamteinfuhr, 1950 dagegen zwischen 60 und 90 v. H.; bei der Ausfuhr entsprechend im Jahre 1938 zwischen 8 und 16 v. H., im Jahre 1950 dagegen zwischen 50 und 90 v. H. Die Ostorientierung liegt zwar grundsätzlich auf der Linie der sowjetrussischen Wirtschafts- und Außenpolitik, ihr Tempo wurde aber seit 1948 mit der Verkündung des USA-Wirtschaftsembargos beschleunigt. Nach Beendigung der Fünfjahresplanperiode 1955 hofft man, die Integration des Ostblocks zu einem gewissen Abschluß gebracht zu haben. Das bedeutet, daß ein großer Teil der Produktion dieser Länder von den Ostblockpartnern in Anspruch genommen wird, vor allem der Sowjetunion, deren Anteil an der Einfuhr dieser Staaten von 4,3 v. H. (1938) auf 60,6 v. H. (1950) und an der Ausfuhr von 1,9 v.H. (1938) auf 71,3 v.H. (1950) gestiegen ist.

Die wachsende Inanspruchnahme der Produktion der Satellitenländer für Zwecke der sowjetrussischen Wirtschaft bindet einen großen Teil des Produktionsergebnisses, der damit für den übrigen Außenhandel nicht mehr zur Verfügung steht. Obgleich die Außenhandelsverpflichtungen der Ostblockländer in die Wirtschaftspläne "eingeplant" sind, kommen diese Länder immer wieder in Rückstand mit ihren Lieferungen. So hat die Sowjetzone im Interzonenhandel ein Passivum von 40 Mill. Verrechnungseinheiten; die Tschechoslowakei und Polen haben die ihnen von Schweden gesetzte Grenze für Kreditüberschreitung von 35 Mill. skr bzw. 25 Mill. skr erreicht, so daß Schweden weitere Erzlieferungen an sie gesperrt hat.

Trotz der inneren Spannungen, die in der Entwicklung der Ostblockstaaten zu Industrieländern immer wieder auftreten, machen diese Länder Fortschritte im Aufbau von Industrien, die früher ein Monopol der westlichen Welt waren, und gehen auf bestimmten Gebieten zur Eigenerzeugung über. Das laßt für die Zukunft in gewissem Umfange eine Minderung der westeuropäischen Absatzmöglichkeiten auf diesen Gebieten erwarten, ist aber kein entscheidendes Argument gegen die Wiederbelebung des West-Ost-Handels, da erfahrungsgemäß der Gesamthandel zwischen Industrieländern an Umfang nicht einzubüßen pflegt. Die Industrialisierung der Ostblockländer läßt sich nicht aufhalten. Wenn, man in der Industrialisierung der Ostblockländer wirklich eine Gefahr für die industrielle Zukunft Westeuropas sieht, dann dürfte jedenfalls kein Unterschied in der Behandlung und Deutung der Embargolisten zwischen Deutschland und den übrigen westeuropäischen Staaten gemacht werden, der z. B. Großbritannien, der Schweiz u. a. erlaubt, dieselben Geschäfte, die von Westdeutschland im direkten Austausch mit den Ostblockländern verboten sind, als Zwischenhändler indirekt durchzuführen.

Ein anderer Gesichtspunkt spielt hier eine nicht unwesentliche Rolle: das sind die durch Lieferrückstände der Ostblockstaaten erzwungenen höheren Kreditansprüche an den Partner. Diese Tatsache läßt sich aber bei allen im Aufbau oder Umbildung begriffenen Volkswirtschaften beobachten, die ihre innere Stabilität noch nicht gefunden haben, wie der Brasilien-Fall beweist. Eine Erweiterung des West-Ost-Handels wird daher in der Hauptsache von der Kreditfähigkeit und Kreditwilligkeit der westeuropäischen Partner abhängen.