Es ist ein höchst zweifelhaftes Verfahren", sagte Bundespräsident Professor Heuss in seiner Rundfunkrede zur Kriegsgefangenen-Woche, "einem Kriegsgefangenen der völkerrechtlichen Garantien zu berauben, indem man ihn in Anklage versetzt... Mit Menschenleben und mit bescheidenem Menschenglück machtpolitische Kompensationsgeschäfte machen zu wollen, Druckmittel sich zu sichern, das ist im Grunde ein kurzatmiges Verfahren, das wohl primitive nationale, nationalistische Ressentiments befriedigt, aber politisch keinerlei Gewinn bringt." Der Bundespräsident hat mit diesen Worten in einer überaus maßvollen Weise der Erbitterung Ausdruck gegeben, die das deutsche Volk erfüllt. Siebeneinhalb Jahre nach dem Krieg werden noch immer Tausende deutscher Gefangene von den ehemaligen Feindmächten zurückgehalten.

Der Essener Amnestie-Ausschuß hat an, einen historischen Vorgang erinnert, der in der Tat nicht vergessen werden sollte. Am 24. Januar 1872 intervenierte der französische Botschafter in Berlin für die französischen Kriegsgefangenen, die wegen solcher Delikte bestraft worden waren, die sie in der Gefangenschaft begangen hatten. Der Botschafter führte aus: "Ich verhehle nicht, daß in meinem Lande kaum eine Frage die öffentliche Meinung in solchem Maße beschäftigt wie diese. Man erwartet die ausnahmslose Rückkehr aller Gefangenen. Seien Sie überzeugt, daß, wenn Sie den Frieden wollen, er durch nichts besser gefestigt werden kann als durch die Amnestie."

Sollten die Alliierten, und ganz besonders die Franzosen, heute die Richtigkeit dieser Worte nicht mehr einzusehen vermögen, die ihr Vertreter damals gesprochen hat? Und sollten nicht selbst auch die Sowjets verstehen können, daß ihre Friedenspropaganda den Deutschen nur als Heuchelei erscheinen kann, solange sie diese Frage zu lösen sich weigern? F.