Friedrich Georg Jünger: Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht. (Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1952, 153 S., Leinen 9,50 DM.)

In neuerer Zeit hat es zuerst Weinheber provozierend genug herausgestellt: daß "Poet" von "poiein" (machen) kommt. Gedichte sollen gemacht sein! meinte er, gemacht wie ein schmiedeeisernes Gitter. Zugleich wandte er sich gegen den "gebräuchlichen Humbug der Inspiration". Inzwischen hat man die kunstvolle und handwerkliche Seite des Dichtens öfter betont, am radikalsten tut es Gottfried Benn, der die artistische Mache und Montage des Gedichtes fordert. Solche Bestrebungen bilden eine notwendige Front gegen die herkömmliche Überschätzung von Inhalten, Gesinnungen und Gefühlen. Den Dilettantismus in der Lyrik freilich werden sie nicht überwinden, wenn nicht gleichzeitig die handwerklichen Grundlagen so dargeboten und gefördert werden, wie es bei jeder anderen Kunstübung selbstverständlich ist. Man denke nur an die Fachbücher der Musiklehre und der bildenden Künste, an denen niemand Anstoß nimmt. Deshalb sind Bücher wie das vorliegende von Fr. G. Jünger nötig, in denen ein Könner von dem Werkstatt-Wissen seiner Kunst spricht.

Er beschränkt sich dabei auf das zentrale Thema des Rhythmus. Indem er freilich Rhythmus und Metrum gleichsinnig verwendet, bringt er sich um fruchtbare Möglichkeiten, den Streit zwischen Metrum und Rhythmus, der sich in metrischen Gedichten abspielt, in seinem folgenreichen Ausmaß ganz zu erfassen. Er spricht ferner von der rhythmischen Wiederkehr des Gleichen, wo es sich um eine Wiederkehr des Ähnlichen handelt. Auch sind Metren an sich nicht rhythmisch, vielmehr weckt das Taktschema der Meeren erst den Rhythmus. Solche grundsätzlichen Einschränkungen beeinträchtigen jedoch nicht die sachliche Fülle des Dargebotenen. Was Jünger über die Gliederungen des Verses zu sagen weiß, ist besonders fördernd. Vorzüglich orientiert er sich an Klopstock, Hölderlin, Platen und Trakl. Der meist genannte Anreger und Zeuge ist Klopstock. Zu den Themen: Vers, Reim und Strophe bringt Jünger Tatsachen in Erinnerung, die Dichtern und Freunden des Gedichts bekannt sein sollten, es aber meist nicht sind.

Die gelockerte und systemlose Art der Darstellung regt zu Ergänzungen und weiteren Gesprächen an. Es wäre das wünschenswerte Ergebnis solcher Versuche, wenn sich aus den Gesprächen eine "Akademie der Dichtkunst" entwickelte, die Hölderlins Forderung nach einem "gesetzlichen Kalkül" des dichterischen Verfahrens gerecht würde. Bequemer mag es wohl sein, zu singen "wie der Vogel singt"; doch die Stunde solchen Gesanges (die schon für Goethe nicht mehr galt) ist lange vorbei, auch wenn man sich allenthalben noch inbrünstig auf Inspiration, Gefühl oder Aktualität beruft und das Studium des Sprach-Handwerks für einen Lyriker nicht als notwendig erachtet.

Rudolf Ibel

Einem Teil unserer Auflage liegt ein Prospekt "Gute Bücher – billig" der Buchhandlung Ludwig Hase. Frankfurt am Main. bei.