Das soziale Klima in den Betrieben und damit in der Praxis des Arbeitsalltags ist anders und besser, als es sich im äußeren Bilde der Auseinandersetzungen der Verbände und Organisationen darstellt. An den Stätten gemeinsamen Schaffens lassen sich noch immer (mit gutem Willen von beiden Seiten) die Brücken des Verstehens bauen, weil der Mensch im Blickfeld geblieben ist. Auf der "höheren" Ebene der Verbandsbürokratie regieren die vom Menschlichen gelösten abstrakten Interessennormen der Massenkollektive, die ihre eigenen Gesetze haben.

Wenige Tage vor dem Bundeskongreß des DGB in Berlin, auf dem sich mit der Wahl Walter Freitags zum ersten DGB-Vorsitzenden die Mehrheit der Delegierten hinter eine Parole etwa von der Art stellte, daß der Begriff "Sozialpartner" keine Berechtigung mehr habe, unterschrieben 100 Betriebsratsmitglieder und Betriebsratsvorsitzende einen Aufruf zum gemeinschaftlichen Handeln und zur Wahrung des sozialen Friedens. Auf Grund eigener Erfahrungen in ihren Betrieben beklagen Betriebsräte (Funktionäre im kleinen, wenn man will, die aber im Kontakt mit der Wirklichkeit der sozialen Probleme stehen) der Gummiwerke Phoenix, Duisburger Kupferhütte, Fordwerke Köln, Badische Anilin- & Soda-Fabrik, Daimler-Benz, Robert Bosch und anderer führender Großbetriebe Westdeutschlands, daß kostspielige Kraft und Zeit in fruchtlosen Auseinandersetzungen und inneren Konflikten verlorengehen: "Mißtrauen, Angst, Habgier, Machtstreben und Prestigefragen vergiften die Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen, den Parteien, Klassen und Sozialpartnern. Es wird Zeit, daß wir unseren Brüdern im Osten beweisen, daß wir nicht nur über Einheit reden, sondern daß wir hier im Westen die Kraft zu neuem Leben und zur Einigkeit in uns tragen ..."

So denkt man also an den Fronten des sozialen Lebens über den "Klassenkampf", von dem man zwar nicht immer offen, so doch unmißverständlich in manchen höheren Stäben sozialer Strategie als dem Gebot der Stunde sprechen zu müssen glaubt. kr.