Kunststoffe von morgens bis Mitternacht – Seite 1

Düsseldorf stand eine Woche hindurch im Zeichen des "K"

Es ist leicht, hinterher den Propheten zu spielen. Aber als der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kunststoff-Industrie die Durchführung der Kunststoff-Ausstellung in Düsseldorf beschloß, war der Erfolg der am vergangenen Sonntag beendeten Messe "Kunststoffe 1952" von niemandem vorherzuseher. Viele Mitgliedsfirmen hatten sich nur zögernd zur Beteiligung entschlossen, und in geschäftlicher Hinsicht versprach sich eigentlich keine etwas, Gewiß, man war sich zumeist darüber einig, daß etwas geschehen mußte, um die deutsche Öffentlichkeit mit dem Comeback der deutschen Kunststoff-Industrie vertraut zu machen – aber würde Familie Jedermann auf diese Bekanntschaft überhaupt Wert legen?

Diese Frage ist jetzt beantwortet. Über 170 000 Besucher haben diese Fachmesse und Leistungsschau besucht. Davon mögen rund 30 000 interessierte Fachleute aus dem In- und Auslande gewesen sein – über 140 000 aber waren Normalverbraucher, die sich mit der Wunderwelt der Kunststoffe vertraut machen wollten. Und ihren Augen bot sich eine Schau, wie sie nach dem übereinstimmenden Urteil aller Kenner bisher weder in den USA noch auf unserem Kontinent zu sehen war. In drei riesigen Hallenkomplexen hatten Kunststofferzeuger, Kunststoffverarbeiter und Maschinenbauer ausgestellt – viele mit Ständen, die in Form- und Farbgebung Meisterleistungen anspruchsvoller Architektur waren. Und das war überhaupt der erste Eindruck des aufmerksamen Besuchers: Mit Kunststoffen lassen sich Effekte erreichen, die dem Naturstoff versagt bleiben müssen. Sie erst ermöglichen dem Innenarchitekten eine fast unerschöpfliche Palette von Möglichkeiten für Wand-, Decken- und Fußbodenverkleidungen, für Tischplatten und Sesselbezüge bei einer Farbskala von früher unerreichter Intensität.

Was hat Herrn und Frau Jedermann am meisten interessiert? Immer waren die Stände, Vitrinen oder sonstigen Objekte am dichtesten umlagert, die irgend etwas besonderes anschaulich machten. Dazu gehörte die mit ebensoviel Gründlichkeit wie Charme aufgebaute Lehrschau, in der man an Hand eines Drahtmodells sah, daß das Auto von heute 150 Teile aus Kunststoffen enthalten kann. Dazu gehörte vor allem der Lehrschauteil "Kunststoffe vom Morgen bis Mitternacht" – mit Küche, Bad, Kinderzimmer, mit Kunststoff-Läden und mit einer Ecke, in der die Kunststoffe übermütig wurden – einer Bar, wie sie der Verfasser so witzig sonst in ganz Düsseldorf nicht angetroffen hat (leider war sie ohne Ausschank).

Dementsprechend waren auch die Firmerstände, an denen etwas geschah, am dichtesten von Sehleuten umlagert: bei Bayer die Vitrine mit der drastischen Demonstration der Abriebfestigkeit perlonverstärkter Hosenböden, bei den Chemischen Werken Hüls das Zusammensetzen von Leuchtmosaiken aus Vestyron-Würfeln, sei der BASF das "Kaltpressen" von Polystyrol-Schiffchen. (Der "Schlager" der BASF war allerdings nicht dieses Schiffchen, sondern ein farbenfroher Puzzle-Elefant – zu dem es jedoch nur eingeführte Standbesucher brachten.) Diese Beispiele müssen für alle anderen stehen. In den Hallen, wo die Maschinenbauer ihre Stände hatten, drängten sich die Besucher um jede Maschine, die gerade in Betrieb war und in regelmäßigen Abständen eine Schale, einen Teller oder vielleicht auch ein Schnapsglas auswarf. Und in einer Halle konnte man die neuesten Dokumentarfilme der Kunststoffindustrie und der chemischen Industrie sehen, darunter den biennale-preisgekrönten Farbfilm der Farbenfabriken Bayer "Das Werk am Rhein" und den Schwarzweißfilm der BASF "Das Werk am Strom".

Es ist unmöglich aufzuzählen, was es in den über 200 Ständen alles zu sehen gab. Herr und Frau Jedermann fanden vieles, das ihnen schon lange vertraut war und das sie dennoch nicht als Kunststoff im Bewußtsein hatten. Und sie sahen noch mehr, das ihnen völlig neu war. Wenn sie dann noch im theoretischen Teil der Lehrschau an Tabellen, Kurven, Vergleichszahlen vorbeikamen, an Prüfgeräten und der Kunststoff-"Werkstatt", dann mag der Kopf die Fülle der Eindrücke oft kaum noch gefaßt haben, Aber sicherlich wird der Nichtfachmann, der diese Ausstellung besucht hat, dem Begriff "Kunststoffe" künftig aufgeschlossener gegenüberstehen.

Und der Fachmann? Auch er kam, und zwar zahlreicher, als es die meisten Aussteller vermutet hatten. Die Maschinenbauer z. B. konnten feststellen, daß der Andrang aus dem Auslande an manchem Tage stärker war als in Hannover. (Was denen, die nur mit einer Zwergmaschine gekommen waren, etwas den Atem verschlug.) Bei den meisten Kunststofferzeugern reichten die für Besprechungen vorgesehenen Sitzgruppen nicht aus; sie holten Möbel nach. Und ein Verarbeiter staunte schon am dritten Tage darüber, daß er bereits mehr Aufträge bekommen hatte als bei einer anderen Ausstellung in einer ganzen Woche. So hörte man überall Stimmen der Zufriedenheit.

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Worauf ist dieser Erfolg zurückzuführen? Auf den Mut des AKI-Vorstandes, der diese Ausstellung startete, obgleich viele seiner Mitglieder anfangs nur mit halbem Herzen bei der Partie waren? Auf die Wahl Düsseldorfs, seine glückliche Lage inmitten von sechs Millionen Menschen und seinen Charme? Auf die Planung des Werbeausschusses der Kunststoffindustrie, der die Ausstellung von vornherein zielbewußt auf Herrn und Frau Jedermann abstellte? Auf die vorbildliche Werbung der NOWEA, der Düsseldorfer Ausstellungsgesellschaft, die in bisher unerreichter Weise eine ganze Stadt in das Zeichen der Kunststoffe zu stellen verstand und auch das unvergeßliche Plakat mit dem fünffarbigen K vermittelt hatte? Auf die Aussteller, die fast alle mehr boten (– und auch aufwandten!), als sie ursprünglich geplant hatten?

Gerade der Kundige weiß, daß es Imponderabilien gibt, die sich nie berechnen lassen. In Düsseldorf sind sie der Ausstellung offenbar in vollem Umfange zugute gekommen und haben der Kunststoffindustrie zu einem Welterfolg verhelfen, von dem sich auch die Optimisten nichts träumen ließen. Düsseldorf war ein erster Schritt. Weitere sollten folgen. Harry Damrow