Modell des Jüngsten Gerichts – Seite 1

Hernann Kasack: Das große Netz, Roman. (Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M., 506 S., Leinen 15,40 DM.)

In dünner Luft sinkt der Siedepunkt. Man kommt mit geringerem Feuer aus, wenn man kodiert will. So wählt Hermann Kasack in seinem neuen Roman einen hochgelegenen Standpunkt, um aus ironischer Distanz die heutige Wirklichkeit einer mitteldeutschen Kleinstadt einem Experiment zu unterwerfen, das auf den Erfahrungen unserer Gegenwart beruht. Dabei ordnet er den Versuch mit wissenschaftlicher Akkuratesse so an. daß es zu reinen, von den Einschüssen des Zufalls freien Reaktionen kommt. Der Modellversuch wird zum entlarvenden Gleichnis, das Gleichnis zur Warnung. Satiriker sind verzweifelte Moralisten. "Wahrscheinlich darf man es nicht so ernst nehmen, wenn man nicht verzweifeln will."

Kasack läßt einen x-beliebigen Herrn, Icks mit Namen (man wird von ferne an Kafka, an seinen K. und die Konzeption seines "Schloß" erinnert; doch herrscht ein ganz anderes Klima) und Reisender in Parfümeriewaren, in einen vom Krieg übergangenen Ort geraten, in dem sich eben ein geheimnisvolles Institut, das IFE, niedergelassen hat. Icks bleibt in diesem Ort, aus Gründen, über die er sich nicht restlos Rechenschaft gibt – das tut er nie –, ein ganzes Jahr hängen. Er wird, widerstrebend kaum, eher geschmeichelt, Angestellter des Instituts und entwickelt bald, durch gelegentliche Enthüllungen ebenso wie durch seine Teilnahme von der Bedeutung des Unternehmens überzeugt, Rührigkeit und Arbeitseifer. Sein mäßiger Hunger, mehr zu erfahren, wird durch kleine Dosen Wissen beschwichtigt. Er hat zunächst bei der Errichtung eines Museums, des "Hcmininen Gartens", mitzuwirken, in dem unter dem Motto "Memento vivere" typische Stücke der menschlichen Spezies in Glaskästen lebeidig aufbewahrt werden, um beziehungslos nebeneinander ihr Sosein zu verrichten.

Icks unterscheidet sich von der Bevölkerung des Bezirks nicht wesentlich. Vielleicht ist er nur eine besonders reine Ausprägung des persönlichkeitlosen Normalmenschen, der nicht weiter fragt, als gesund ist, der mit sich machen läßt, so lange er nur einen gewissen Spielraum, zumal für erotische Affären, behält. (So wird er später auch zur Produktion von Normalmenschen herangezogen.) Icks ist brauchbar, unverantwortlich, durch halbe Gründe zu jeder Beihilfe zu bewegen. Er steigt daher zu hohen Posten auf.

Die kleine Stadt gerät immer mehr in den Bann jener unabschätzbar großen Macht. Das Undurchschaubare, Unpersönliche, Unberechenbare und dabei Selbverständliche ihres Umsichgreifens ist das Prinzip, das rohe Gewaltmittel erübrigt. Kasack gestattet dem Leser auch nicht den Trost einer ernsthaften, wenn auch aussichtslosen Widerstandsgruppe. Die Macht bestimmt nach und nach das Dasein der Einwohner, reduziert alle Lebensäußerungen auf das Verhalten ihr gegenüber und registriert gleichzeitig die intimsten Gedanken jedes einzelnen. Dabei bleibt ihr aber der einzelne völlig gleichgültig. Der Prozentsatz der Gedanken und Emotionen im Zeitgeist und -gefühl ist es, der sie interessiert. Der äußerlich sichtbare Sitz, von dem aus sie wirkt, ist die "Statistische Akademie", wo drei nornenhafte Damen mit dunklen Brillen und ausdruckslos weiß geschminkten Gesichtern Weisungen ausführen. Die Frauen erscheinen überhaupt eingeweihter, verständiger, bereiter. Sie sind engagierter als die durch ihre Funktionen differenzierten Männer.

Gegen Ende des Buches mündet das Experiment jener pädagogischen Provinz in eine Art Jüngstes Gericht. Das Auge Gottes ist säkularisiert zum Kameraobjektiv – für die Menschen des Stadtkreises im Hinblick auf ihr angestrengtes, eingeengtes Leben eine Farce, für den Leser eine Überhöhung in den Bereich der Mitverantwortung. Die einzige, wenn auch gebrochene Persönlichkeit des Werks, "Herr Friedrich", der Regisseur des Ganzen, wird von seinem Gewissen getötet, als er Menschen opfern muß, um der Nachwelt ein Bild unsres Daseins zu überliefern.

Das Buch ist enorm durchdacht, groß in der Erfindung, karg in der Empfindung. Die Phantasie ist streng in den Dienst des Intellekts gestellt. Auf Psychologie wird – wie angemessen – verzichtet. Die Sprache meidet Farbe und Schmuck. Sie ist knapp, amtlich, gleichsam fleischlos; die Rede unpersönlich, auswechselbar, soweit sie nicht typisch für das Amt des Sprechenden ist.

Modell des Jüngsten Gerichts – Seite 2

Kasacks Werk klärt, um zu verhüten. "Eher liegt dem Unternehmen daran, mit dem Plan eine moralische Absicht zu bekunden. Ein letzter Versuch, die Beteiligten aufzurütteln."

Rino Sanders