E. London, Mitte Oktober

Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen Persiens zu Großbritannien, der von Mossadek am vergangenen Donnerstag im Radio als Beschluß angekündigt wurde, ist der britischen Regierung zunächst nicht offiziell bestätigt worden. In London vermutete man, daß Teheran vor der Bestätigung des Abbruchs die Reaktionen in London und Washington abwarten wollte, vielleicht in der Meinung, daß Amerika England doch noch zum Einlenken bewegen könnte. Allerdings ist die britische Regierung so entschlossen wie je, die Entschädigungsansprüche der Anglo-Iranian Oil Company zu unterstützen. London will keine großen Opfer mehr bringen um Mossadek zu besänftigen, weil es der Meinung ist, er könne "im besten Fall nur als äußerst unzuverlässiger Verbündeter im Kampf gegen die kommunistische Gefahr betrachtet werden".

Daher sieht man der Durchführung des Entschlusses Mossadeks gelassen entgegen. Praktisch hat England damit nicht mehr viel zu verlieren. Die britische Botschaft in Teheran wird seit langem, wie übrigens auch die persische in London, nur noch durch einen Geschäftsträger verwaltet und die Konsulate sind bereits geschlossen worden. Nachdem der Zugriff auf die überragend wichtige Ölkonzession nicht verhindert werden konnte, scheinen die sonstigen kommerziellen Interessen Großbritanniens in Persien gleichermaßen gefährdet, gleichgültig, ob die diplomatischen Beziehungen abgebrochen werden oder nicht. Nur aus politischen und strategischen Gründen wird der extreme Schritt Mossadeks bedauert. Eine sachliche Verständigung und die Wiederaufnahme normaler Beziehungen werden damit unnötig erschwert. Persien aber, so meint man, verliert durch die Intransigenz seines Premiers jede Aussicht auf eine baldige finanzielle Hilfe, deren es so dringend bedarf. Nicht nur die Summe von 49 Mill. Pfund, die Persien zugekommen wäre, wenn es das zusätzliche Abkommen von 1949 nicht verworfen und den Konzessionsvertrag von 1933 nicht als aufgehoben erklärt hätte, sondern auch die amerikanische Offerte eines Zuschusses von 10 Mill. $ ist hinfällig geworden.

Ausdrücklich hat die britische Regierung in ihrer letzten Note noch einmal bestätigt, daß sie de Verstaatlichung der Ölindustrie Persiens aneikenne und für die A.I.O.C. auch keine Monopolstellung in der Verwertung der künftigen Ölproduktion Persiens beanspruche. Als einziges Zugeständnis verlangt sie, daß die Eltschädigungsfrage ohne jede Limitierung der Ansprüche vom Haager Gerichtshof entschieden werden könne. Davon will sich England nicht mehr abbringen lassen.

Nach Verlautbarungen aus zuständigen Kreisen in Washington hat das State Department auf Grund von Besprechungen mit dem in Washington weilenden Vertrauensmann Mossadeks, Hussein Makki, die Nachprüfung der iranischen Forderung an England auf Zahlung der rückständigen Öltantiemen in Höhe von 49 Mill. Pfund Sterling begonnen. Diese Forderung war in der letzten englischen Note an Iran als unberechtigt bezeichnet und abgelehnt worden, obwohl gleichzeitig zugegeben werden mußte, daß die Anglo Iranian Oil Co. in ihrer Bilanz für das Jahr 1950 "irrtümlich" die 49 Millionen als "zahlbar an Iran" aufgeführt hat. Falls das State Department zu den Schluß kommen sollte, daß der Anspruch Inns zu Recht besteht, will die amerikanische Regierung London nahelegen, als Kompromißlösung wenigstens einen Teil der Summe an Iran zu zahlen. In Washington hofft man, hierdurch den endgültigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen noch in letzter Minute verhindern und die Verhandlungen über eine Lösung des Ölkonfliktes wieder in Gang bringen zu können.