Von Norbert Jacques

Morgens liegt Nebel auf dem Bodensee. Die Dampfer durchrufen ihn gleich irrenden Hünen. Aber die Sonne erhebt sich mitten in ihm, und er verlischt. Dann liegt der See in den Nachmittagsstunden weithin, glanzvoll in seinen starken Farben, und die Alpen grüßen mit weißen Häuptern durch die dünne Luft. Das ist das Idealbild eines Bodenseeherbstes zur Zeit der Weinlese, und diese hat heuer übermäßig früh in der ersten Oktoberwoche begonnen, sonst pflegte sie bis zum Monatsende zu warten. Der überheiße Sommer hatte im Wachstum mächtig vorgegriffen.

Von den vorzeitigen Schneefeldern in den Alpen streicht jetzt eine kalte Luft über die Rebberge, und mitten in ihr "wimmelt" man, wie das Abernten der Trauben hier heißt. Man bringt die tiefrote Burgundertraube, die zartrote Traminer vom Weinberg gleich in die Kelter, um den "Weißherbst" und den Weißen Traminer zu bekommen. Denn läßt man die Trauben vor dem Keltern gären, tritt der Farbstoff, der lediglich in der Haut sitzt, ins Fleisch der Beeren über, und der Wein wird rot. Man hat aber die Wahl, roten oder weißen zu gewinnen.

Früher gab es nur die Elbling, jene Rebenart, von der man meint, sie sei von den Römern nach Deutschland gebracht worden. Übrigens haben die Schriftgelehrten uns noch nicht darüber aufklären können, ob es eine autochthone deutsche Rebe gibt. War der Elblingwein nicht gezuckert oder entsäuert, fuhr er einem wie die Küsse einer rässen Barbarenprinzessin ins Blut. Er reift auf immerhin mehr als 400 Meter Höhe, bei nicht sehr langer Vegetationsdauer. Aber die Elbling ist der Burgunder-Rebe, der Ruländer-, Traminer-, Sylvaner-Rebe gewichen, und wenn man jetzt einen Wein am Bodensee trinkt, braucht es kein Dreimännerwein mehr zu sein, so genannt, weil zwei den dritten, der trinkt, festhalten müssen.

Mit der Aufnahme der fremden Reben ist der Weinbau erfolgreich wieder in Gebiete zurückgekehrt, denen er einst untreu geworden war, und wenn man jetzt einen Ruländer oder Weißherbst des Heiligen-Geist-Spitals in Überlingen trinkt, das erst seit anderthalb Jahrzehnten wieder Wein kennt, will es scheinen, als ob ihnen der Preis mitgehörte, der mit so lauter Stimme dem Meersburger zugeteilt wird.

In diesen Tagen hört man viel das Wort: Öchsle, ein Wort, das man meidet, wenn der neue Wein unter 80 Grad Öchsle bleibt, der Scheide zwischen Fehl- und Gütejahr. Man erzählt von ersten Probemessungen mit 88. Wenn man Fäule durch Regen oder Frost nicht fürchtet und den Mut haben würde, seine Trauben noch länger hängen zu lassen, und das Wetter wäre mit einem, so käme der Wein über 90 Öchsle; denn manchmal erlebt man am See das Wunder herbstlicher Sonnentage, das im letzten Augenblick den Wein in die Höhe reißt. Die Höhe der Öchsle-Grade aber gibt den Zuckergehalt, also den späteren Alkoholgehalt des fertigen Weines an, mithin die Qualität bei diesen Weinen, bei denen man beim Trinken nicht über den geistigen Gehalt nachzudenken braucht, wie bei einem ritterhaften Rheingauer oder einem mit dem rätselvollen Wunder seines Buketts begnadeten Mosel-, Saar- oder Ruwerwein... für den aber doch das Wort des alten Eckarts mitgilt: "Nimmer würde der Mensch, der Durst nach Wein hat, seiner so sehnlich begehren, wenn nicht etwas von Gott in ihm wäre."

Nur noch Tage, dann beginnt der Most in den Kellern sein (Lied des Gärens zu singen. Die Fässer liegen schlaflos auf den Stegen. Ein ununterbrochenes Glucksen und Geträller, überstiegen manchmal von einem geheimnisvoll versprechenden Aufschlagen, ein kleines Gedonner des Reifenwollens füllen die Nächte und Tage in den Kellern. Hinter den Dauben saust der Weinmost, und deshalb nennt man ihn am Bodensee den "Sauser". Er hat den Zucker fast ganz ausgestoßen und schmeckt die Erde wieder, die ihn hat reifen lassen. Er ist in den gebenedeiten Zustand des "Federweißen" eingetreten. Er sieht aus, als sprudele noch Erde mit in ihm. Dick, grau und aufgewühlt, zischt er selbst noch im Glas. Ja, man "beißt" ihn. Der Zunge gibt er den ätzenden Wildgeschmack, dessen Würze dem schwäbisch-alemannischen Gaumen so behagt.