Von H. Laeuen

Der Bolschewismus ist konventionell geworden. Die alten Mitglieder des Politbüros, stellvertretende Ministerpräsidenten und Marschälle, Ministerpräsidenten und Parteisekretäre der Bundesrepubliken, alle haben sie Aufnahme in das neue Zentralkomitee der Partei gefunden. Es gibt jetzt einschließlich der Kandidaten 235 Mitglieder. Die Zahl verdeckt den Mangel an Persönlichkeiten. Malenkow hat in seinem Rechenschaftsbericht über bürokratische Handhabung der Personalpolitik geklagt. Bürokratischer und schematischer als bei der Auslese für die Spitze der Parteihierarchie konnte nicht verfahren werden.

Auf dieser Versammlung wohlsituierter und privilegierter Parteifunktionäre gab sich die Mandatsprüfungskommission schon nicht mehr die Mühe, den geringen proletarischen Anteil zu verschleiern. Hatten auf dem Parteitag 1939 rund 54 v. H. der Delegierten Hochschul- oder höhere Schulbildung besessen, so betrug die entsprechende Ziffer diesmal 85,8 v. H. Es paßte dazu, wenn aus der Parteisatzung die Wendung "Avantgarde der Arbeiterklasse" verschwand und durch "Kampfbund gleichgesinnter Kommunisten" ersetzt wurde. Die in der Bedienung des Apparates handgreiflicher als durch Geist und Glauben vereinten Funktionäre bestimmen heute das Gesicht des Sowjetstaates. Sie sind eine exklusive Klasse erfahrener Techniker der Massenbeherrschung geworden. Jugend war auf dem Parteitag kaum zu sehen, dagegen bildeten die Jahrgänge zwischen 40 und 50 die Mehrheit. Diese Feststellung ist für die Verfassung der Partei aufschlußreicher als das neue Statut.

Die "Apparatschiki", die an der Revolution geringen oder gar keinen Anteil gehabt haben, aber zu organisieren verstehen, dürfen heute neben dem Diktator Platz nehmen. Malenkow ist in seiner Ungeistigkeit weniger als Person denn als Typ wichtig. Er bildet mit Berija, dem Bürokraten des Terrors, mit Chruschtschow und Ponomarenko, den Regulatoren der Planung und Verwaltung, dem Leningrader Parteigewaltigen Andrianow und dem Propagandisten Sußlow eine mächtige Interessengemeinschaft. Was sich ihr gegenüber im Amte behauptet, sind Wirtschaftsfachleute, während Literaten, Staatsbeamte und Militärs nicht mehr zum Zuge kommen. Von den "Alten" ist Molotow zu starr, Woroschilow zu wenig intelligent und Schwernik zu schwach, während Kaganowitsch über genügend Geschmeidigkeit zur Herstellung eines Kontaktes mit der nachrückenden Generation verfügt. Die "Mitte" halten etwa Schkirjatow, der in der Parteikontrolle den gestürzten Andrejew ersetzt, der allein der Malenkow-Gruppe hätte gefährlich werden können, Bulganin, der als eine Art Verbindungsmann zwischen Armee und Partei zu betrachten ist, und der Gewerkschaftler Kusnetzow.

Alle Persönlichkeiten, die wir genannt haben, gehören dem Parteipräsidium an, das an die Stelle des Politbüros getreten ist. Für eine intime Beratung ist dieses 25köpfige Gremium zu umfangreich. Hierzu eignet sich eher das Sekretariat des Zentralkomitees, das schon in den letzten Jahren ein Konkurrent des Politbüros war. Die neun Mitarbeiter, die sich Stalin für das Sekretariat ausgesucht hat, zählen zur Malenkow-Generation oder sind etwas jünger, wie der Komsomolzenvorsitzende Michailow. Das ist ein Einbruch an entscheidender Stelle. Die Verschiebungen im Parteigeneralstab dürfen indessen nicht überschätzt werden. Stalin bleibt, darüber hat der Parteitag keinen Zweifel gelassen, nach wie vor die Zentralfigur. Sein "Bolschewik"-Artikel schuf die geistige Richtlinie, an die sich die Redner sorgfältig hielten. Er gab in seiner Schlußrede die Parole für die neue Phase des kalten Krieges aus, die den kommunistischen Parteien in Westeuropa "nationale" Aktivität vorschreibt. Unter seinem Vorsitz wird die Kommission tagen, die das neue Parteiprogramm auszuarbeiten hat, mit dem Marx und Lenin in den Rang von Vorläufern der stalinistischen Lehre herabsinken werden.

Das Heer der Funktionäre, auf das Stalin im großen Saal des Kremls blickte, ist seine ureigenste Schöpfung. Diese "neue Intelligenz", die erst allmählich als Klassenbegriff in Parteiverlautbarungen eingeschmuggelt wurde, hat eine Neigung zu Sippen- und Cliquenwirtschaft, zur formalistischen Erledigung aller Vorgänge und Verdeckung der Mißstände, die Stalin durch Malenkow geißeln ließ. Hinter ihr verschwinden das Volk und die Jugend, für die in der Regierungsmaschine kein Platz ist. Wenn Stalin sich nicht dazu entschließen kann, sich von den Geschäften zurückzuziehen, so wird weniger ungestillter Ehrgeiz als der Zweifel bestimmend sein, die Kluft zwischen oben und unten werde gefährliche Krisen heraufbeschwören, die nur er bewältigen könne. Das utopische Bild im "Bolschewik"-Artikel über einen Fünf-Stunden-Arbeitstag bei verdoppeltem Reallohn, freie Berufswahl aller Mitglieder der Gesellschaft (die "polytechnisch" gebildet werden), Verschwinden der Geldwirtschaft und Absterben des Staates ist wohl nicht nur aus propagandistischem Bedürfnis, sondern auch aus der Erkenntnis der inneren Hohlheit des bestehenden Zustandes entworfen worden. Der Funktionärtyp dagegen hat keine umwälzenden Vorstellungen. Er ist nur Konservator des Systems, das ihm Staatstugenden als Leitlinie gibt und bei dem er sein Auskommen für ein bürgerlich-sowjetisches Leben findet.