In der Gesellschaft und auf dem diplomatischen und politischen Parkett der schwedischen Hauptstadt herrscht eine hitzige Atmosphäre: Ein Schlüsselroman "Paradies für uns" von Frank Burns, der den Weg der schwedischen Außenpolitik und das "High Life" während der Kriegsjahre von 1939 bis 1941 schildert, hat erregte Debatten ausgelöst. Das Buch enthält kompakte Angriffe auf lebende und verstorbene Politiker und Diplomaten. Und einige Prominente, darunter zwei Generaldirektoren und vier Generale, sind in Verdacht gekommen, das Buch geschrieben zu haben. Sie dürfen jetzt aufatmen, denn der Autor ist aus dem Dunkel der Anonymität herausgetreten. Es ist kein Geringerer als der schwedische Botschafter in London, Gunnar Hagglöf.

Das Buch schildert Stockholm während der schicksalsschweren Septembertage des Jahres 1939. Wir begegnen dem britischen Gesandten, Sir August Pumpkin, einem Diplomaten der alten Schule, der seinem jüngsten Botschaftssekretär, dem Idealisten und Helden des Buches Fred Bancraft, ein väterlicher Freund ist. Dieser junge Mann begnügt sich indessen nicht mit einer Statistenrolle; er will das schwedische Volk aufrütteln. Seine ganze Hoffnung ist der schwedische Außenminister Aner, in Wirklichkeit Sandler.

Die Männer, die damals die schwedische Politik leiteten, kommen in dem Buch schlecht weg. Der Chef der Regierung, der große Per Olof Pehrson – gemeint ist der Ministerpräsident Per Albin Hansson –, hat kein Format, die Feinheiten des diplomatischen Spiels sind ihm fremd. Durch Argumente seiner Minister läßt er sich nicht belehren. Nur seinem doktrinären Finanzminister gibt er nach.

Außer dem englischen tritt auch der deutsche Gesandte Prinz von Stein zu Stein – alias Prinz zu Wied – auf, der immer nur seine Katze Mitzi streichelt. Außerdem werden englische Spione en masse, deutsche Fliegeroffiziere und Staatssekretäre und schließlich Hitler persönlich vorgestellt, der über die schwedische Neutralität flucht.

In der Schilderung des amourösen Lebens der sogenannten Society nimmt der Verfasser kein Blatt vor den Mund. Man bekommt beinahe einen Schock: die Gerüchte, wie junge Attaches ihre Zeit verbringen und wie die Damen der Gesellschaft sich benehmen, werden sozusagen von höchster Stelle beglaubigt. Der junge zur diplomatischen Inaktivität verurteilte Engländer verwendet desto mehr Aktivität auf seine Beziehungen mit einem rothaarigen englischen Mädchen – "in allen Ehren" – und mit einer schwedischen Schönheit von gefährlicher Dämonie, die ihrerseits ihre Neigung teilt zwischen ihm und dem italienischen Legationsrat Graf Narni. Daß der Italiener siegt, versteht sich von selbst; denn "bedauerlicherweise unterliegen die kühlen Nordländer dem südländischen Temperament". Das Urteil des dunkelhaarigen Roman-Grafen über die schwedischen Frauen ist wenig schmeichelhaft. Sie seien, so erklärt er mit zynischer Selbstgefälligkeit, zwar nett und willfährig, aber im Grunde ebenso langweilig wie die schwedischen Männer, und von den intimen Reizen der Liebe verständen sie nichts.

Neben dieser sittengeschichtlichen Schilderung des Stockholmer Gesellschaftslebens versucht der Verfasser, ein Fazit der damaligen schwedischen Neutralitätspolitik zu ziehen. Daß Schweden nicht in den Strudel kriegerischer Verwicklungen hineingezogen worden sei, verdanke es reinen Zufällen. So habe Hitlers Befehl für die Invasion bereits vorgelegen, genau so wie die englischen Pläne zur Bombardierung der Malmö-Bahn. Ein Zufall habe im letzten Augenblick Schwedens Gnadenfrist verlängert. Ja, es sei reite Gnade gewesen, und nicht das Resultat seiner Neutralitätspolitik, daß Schweden vom Krieg verschont blieb. Neutralität als außenpolitische Grundkonzeption habe nur Aussicht auf Erfolg bei ungewöhnlichen Konstellationen des internationalen Kräftegleichgewichts. Neutralitäts;edanken dürfe keine Ewigkeitsdauer zugemessen werden.

Wer eigentlich ist dieser seltsame Roman-Autor? Hagglöf, den man früher als "diplomatisches Wunderkind" bezeichnete, hat eine schnelle Karriere hinter sich. Trotz der Distinguiertheit seiner äußeren Erscheinung reagiert er zuweilen recht impulsiv, was ihm schon manche Verlegenheiten bereitet hat. Als Chef einer Handelsdelegation in Berlin trug er eine so offene antideutsche Haltung zur Schau, daß er nicht nur die nazistischen Machthaber, sondern auch die Schweden verblüffte. Nun sagt er, daß sein Buch den Zweck habe, die Debatte über Schwedens internationale Situation erneut in Gang zu setzen. Aber seine Indiskretionen überschreiten die Grenzen des guten Geschmacks. "Es könnte zu unerwarteten Resultaten führen, wenn dieses Beispiel bei dem corps diplomatique Schule machte", schrieb eine große schwedische Zeitung. "Es begann mit einer diplomatischen Maskierung und endete als eine undiplomatische Demaskierung." Engdahl Thygesen