Die Soforthilfe, als eine "kurzlebige Überbrückungsmaßnahme" gedacht – die Unterhaltshilfe, ihr Hauptstück, war ursprünglich bis zum 31. März befristet –, hat immerhin ihren dritten Geburtstag feiern können. Die Gesamtbilanz ist beachtlich: sie weist zum 31. März 1952 ein Gesamtaufkommen von 6,1 Mrd. DM auf, das für die verschiedenen Hilfsmaßnahmen verausgabt (oder verbindlich zugesagt) worden ist. Zahlen aber können täuschen, und deshalb ist in dem Augenblick, in dem die Überleitung der Soforthilfe in den Lastenausgleich eine entscheidende Zäsur in unserer Sozialpolitik darstellt, zu fragen: was wurde tatsächlich erreicht? Als pars pro toto soll ein 96 000 Einwohner zählender Landkreis Schleswig-Holsteins dienen. Mehr als 50 v. H. seiner Einwohner waren im Sommer 1949 Flüchtlinge. Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit waren die Folge, zumal der Kreis vornehmlich agrarisch struktuiert ist und kein Betrieb im Kreisgebiet damals die Zahl von 100 Beschäftigten erreichte:

Bis zum 30. Juni 1952 – dem Stichtag, auf den sich die folgenden Angaben beziehen – sind insgesamt 12,9 Mill. DM aus dem Soforthilfefonds in den Kreis geflossen, davon aber 10,4 Mill. an Unterhalts- und Hausrathilfe. Mit anderen Worten: etwa 80 v. H. der Gelder wurden für die konsumtiven Hilfen ausgeschüttet, die (bestenfalls ...) eine vorübergehende Erleichterung der Lage der Empfänger zur Folge haben.

Wie in der Bundesstatistik, so stehen auch hier die Aufwendungen für die Unterhaltshilfe (mit dem kaum nennenswert ins Gewicht fallenden Unterhaltszuschuß) an erster Stelle. Einschließlich der Teuerungszuschläge wurden bis zum Stichtag hierfür etwas über 7,8 Mill. DM verausgabt. 3274 Empfänger mit ihren Angehörigen – 2926 Heimatvertriebene, 270 Währungsgeschädigte und 78 Sachgeschädigte – sind z. Z. noch zu betreuen. Im zweiten Vierteljahr 1952 erhielt jeder von ihnen – ohne Berücksichtigung der Teuerungszuschläge – im Durchschnitt 55,20 DM. Da die UH für Alleinstehende 70 DM, für Ehepaare 100 DM beträgt, ergibt sich aus dieser Durchschnittszahl, daß in einer wesentlichen Anzahl von Fällen nur relativ geringe Beträge ausgeworfen werden – eine Folge der Tatsache, daß viele Empfänger von Unterhaltshilfe (UH) zugleich Renten (oder sonstige anrechenbare Leistungen) erhalten. Hierin wurzelt das in der Anlaufzeit der Soforthilfeaktion geprägte bittere Wort: die Soforthilfe sei weder sofort noch Hilfe. Daß letzteres nicht übertrieben ist, bekommt vor allem das Kreiswohlfahrtsamt zu spüren. Die öffentliche Fürsorge hat zwar einen Teil der von ihr Betreuten an die Soforthilfe abgeben können, muß aber vielfach mit ihren Mitteln zusätzlich eingreifen, wenn den UH-Empfängern (infolge Krankheit, Zahnersatz, Todesfall und dgl.) erhöhte Aufwendungen erwachsen.

Den zweiten großen Ausgabeposten nimmt die Hausrathilfe ein. Mit den bisher gezahlten (oder zugewiesenen) 2,594 Mill. DM konnten alle Antragsteller mit 15 "Punkten" und mehr befriedigt werden. (Die Ausschüttung der Mittel erfolgt nach einer Punkttabelle, die sich aus der Kombination von Einkommen, Familienstand und Kinderzahl ergibt). Noch unberücksichtigt bleiben z. B. Alleinstehende mit 220, kinderlose Ehepaare mit 260 oder Ehepaare mit zwei Kindern und 320 DM Mindesteinkommen. Mit diesen 2,5 Mill. DM ist zweifellos manche Not gelindert worden, und die Empfänger waren überglücklich, sich ein Bett, etwas Mobiliar oder die dringend erforderliche Bekleidung anschaffen zu können. War es aber, alles in allem genommen, eine durchgreifende Hilfe? Wir meinen: nein – angesichts der Tatsache, daß der Hausrat in vieler. Fällen in unzureichenden Wohnräumen aufgestellt werden mußte, da im Kreis (nach dem Stanc vom Ende des Vorjahres) noch immer 8762 Personen in 53 Lägern hausen.

An der Situation haben die 383 990 DM, du an Wohnraumfinanzierungshilfen in den Kreis geflossen sind, kaum etwas zu ändern vermocht Von den weiteren produktiven Hilfsmaßnahmen fallen weder die Ausbildungshilfe mit 342 675 DM (davon etwa 76 v. H. an Lehrlinge) noch, dank der besonderen Wirtschaftsstruktur des Kreises die Aktion zur Schaffung von Dauerarbeitsplätzen entscheidend ins Gewicht. Letztere erfaßte mit einer Summe von 542 000 DM nur vier Betriebe, von denen einer mit 500 000 DM den Löwenanteil einheimste.

Unter diesen Umständen richtet sich das Hauptaugenmerk auf die Existenzaufbauhilfe, für die der Kreis rund 1 1/4 Mill. DM erhielt. 656 Anträge lagen vor; 281 wurden bewilligt; 224 mußten abgelehnt werden; der Rest fand auf andere Weise seine Erledigung.

Will man die Wirksamkeit dieser Aktion abschätzen, so interessiert zunächst, welchen Berufsgruppen die Mittel zugute gekommen sind: 139 Antragsteller aus dem Handel erhielten etwas über 650 000 DM, während die entsprechenden Zahlen für das Handwerk 105 und 432 000 DM, für die freien Berufe 35 und rund 144 000 DM und für die Industrie ganze 2 mit 24 000 DM lauten. Auch bei den abgelehnten Anträgen steht der Handel mit 128 bei einer beantragten Summe von rund 740 000 DM bei weitem an der Spitze. Etwa die Hälfte der ausgeschütteten Summe kam somit dem Handel zugute, d. h. jenen Berufen, die ihrerseits wieder dem unmittelbaren Verbrauch dienen. Man kann sehr daran zweifeln, ob eine derartige "Kiosk-Politik" wünschenswert ist. Da aber der Beschwerdeausschuß ablehnende Kollektivbegründungen – etwa den Hinweis auf die Übersetzung einer Berufssparte – nicht anerkannt hat, war das Soforthilfeamt und der Bewilligungsausschuß zu einer gewissen "Steuerung" nicht in der Lage.