Lübeck, im Oktober

Es ist nicht neu und liegt auf der Hand, wenn insbesondere der Wirtschaftsraum Lübeck als Notstandsgebiet unmittelbar an der Zonengrenze schwere wirtschaftliche Rückschläge bei den meisten Industriebetrieben zu verzeichnen hat. Betriebe der Gruppe "Steine und Erden wurden besonders hart betroffen. So bezog ein bedeutendes Werk der keramischen Industrie vor dem Kriege 70 bis 80 v. H. der Rohstoffe aus der heutigen Ostzone. 70 v. H. müssen heute aus Bayern und dem Westerwald auf dem teuren Bahnwege herangeholt werden, 30 v. H. Kaolin werden aus England eingeführt. Der Wert dieser Einfuhr beträgt jährlich 700 000 bis 800 000 DM, wodurch sich eine völlige Kalkulationsumstellung ergibt. 45 v. H. der Produktion wanderte in der Vorkriegszeit in die jetzige Bundesrepublik, 30 v. H. in die heutige Ostzone, 25 v. H. in das Ausland. Heute ist das Unternehmen gezwungen, mangels Inlandabsatzes den Export zu steigern. – Die Lübeck-Schlutuper Fischindustrie, die bereits in den achtziger Jahren den Raum Magdeburg-Halle belieferte, verschickte vor dem Kriege etwa 80 bis 85 v. H. ihrer Produktion nach dem Osten. Hinzu kommt heute noch die Abschnürung der Verkehrsverbindung über Magdeburg in den süddeutschen Raum. – Der Verlust der Holzzufuhren aus dem ostdeutschen Raum wirkt sich ebenfalls verheerend auf die Sägeindustrie und die Betriebe der holzbe- und verarbeitenden Industrie aus und brachte zwangsläufig eine Schrumpfung des Volumens. – Die Lübecker Bürstenindustrie bezog vor dem Kriege etwa 35 v. H. des notwendigen Holzes aus der heutigen Ostzone, 70 v. H. des Absatzes lagen im ostdeutschen Raum. Die Firmen sind daher jetzt gezwungen, unter erheblicher Reduzierung der Preise zu exportieren. Es ergab sich bisher ein Umsatzrückgang von 30 v. H. – Die Lübecker Brauereien bezogen die Braugerste vor dem Kriege zum überwiegenden Teil aus der heutigen Ostzone und haben auch durch das Absatzgebiet Mecklenburg erhebliche Einbuße erfahren. Die Lübecker Industriemühlen verarbeiteten vor dem Kriege 45 v. H. Getreide aus der Ostzone. Der Absatz lag damals zu etwa 25 v. H. jenseits der jetzigen Zonengrenze. mi.