I.Frauen inPakistan – Mohammedanische Hochzeit und Ehe – Erlebnisse einer Reise/ Von E.Sehucht

Auf einer Studienreise nach Ostasien vor dem Kriege lernte Elisabeth Schlicht Indien kennen. Seither zog es sie dorthin zurück und vor kurzem folgte sie einer Einladung in den neuen Staat Pakistan. Monatelang lebte sie unter den Mohammedanern und fand als Frau Eingang in ihre Häuser, die den Männern verschlossen sind. Aus ihrem Erlebnisbericht, der unter dem Titel "Unter der silbernen Sichel" demnächst im Piper & Co. Verlag, München, erscheint, entnehmen wir heute das Kapitel über Frauen und Ehe.

Um eine mohammedanische Hochzeit in Pakistan aus eigenem Erleben schildern zu können, muß man eine Frau sein, und zwar eine weiße Frau, die Zugang zu indischen Kreisen gefunden hat.

Die Frauen Pakistans, bis auf geringe Ausnahmen noch Analphabeten, sind meist strenggläubige Mohammedanerinnen und leben in tiefer Verschleierung. Es ist ihnen nicht gestattet, mit einem Manne, außer ihrem Ehemann, ihrem Vater und ihren Brüdern zu sprechen. Die Frau sieht den ihr von ihrem Vater bestimmten Ehegatten noch nicht einmal bei den Zeremonien ihrer eigenen Hochzeit, sondern erst – zum ersten Male – auf dem blütengeschmückten Hochzeitslager im Hause ihres Schwiegervaters. In dieses wird sie am dritten Tage nach der-Hochzeit, tief verschleiert, in einer Sänfte getragen. So kann man nur als Frau Eingang in die Frauengemächer im Hause der Braut finden, in denen wochenlang die Vorbereitungen für die Hochzeit getroffen werden und wo die Hochzeitszeremonien selbst vor sich gehen. Andererseits muß man eine weiße Frau sein, um an der Festtafel der Männer, die im Hause des Bräutigams stattfindet, teilnehmen zu können.

Eines Abends fragt mich meine Gastgeberin, ob es mich wohl interessiere, die Aussteuer ihrer fünfzehnjährigen Tochter zu sehen, die demnächst heiraten werde. Während zwei alte Diener mit Turbanen schwere eiserne Koffer herbeitragen, frage ich nach dem Bräutigam. "Wir kamen ihn nicht", erwidert die Mohammedanerin, "mein Mann hat ihn für unsere Tochter ausgewählt." Als ich, unkundig der Sitten, etwas befangen einwende: "Aber wenn Hamida ihn nicht mag?", antwortet der Vater kurz und diktatorisch: "Sie wird ihn mögen!"

Unterdessen haben die Diener die Vorlegeschlösser entfernt und die Deckel geöffnet. Die indischen Frauengewänder gehören zu den schönsten der Welt. Von dem Schmuck, der in seinen Formen auf eine Jahrhunderte-, ja jahrtausendealte Tradition zurückgeht, darf man dasselbe behaupten. Für europäische Begriffe ist es schwer faßbar, wenn die Begum nunmehr achtzig bis hundert Gewänder aus den Koffern hebt und mir zugleich die Geschmeide zeigt, die Hamida von ihrem Vater erhalten wird.

Da ist zunächst der Sari, das klassische Gewand der Inderin, das auf dem ganzen Kontinent auch von der ärmsten Frau getragen wird. Es besteht aus einem vier Meter langen und eineinhalb Meter breiten kostbaren Gewebe: Georgette, Chiffon, schwere indische Seide. Als Webkante ist ein Rand aus echtem Gold oder Silber angewebt. Dann kommen die Gararas, die Nationalgewänder der mohammedanischen Inderin. Dieses Kleid stammt aus der Zeit der indischen Mogul-Kaiser und war damals das eigentliche Hofgewand. Heute gilt es gemeinhin als Festkleid. Es besteht aus einem weiten geschlitzten Rock aus schwerem Atlas und einer Tunika, der Kurta, die bis zu den Knien reicht. Ein reich mit Goldfäden durchzogener oder mit Goldspitze eingefaßter Chiffonschal, Dupatta genannt, wird von vorn über die Schulter geworfen. Dann kommen die Pyamas für die Nacht und die Sandalen, aus vergoldeten Lederriemen und farbigen Kordeln geflochten, und Pantöffelchen aus vergoldetem Ziegenleder mit einer nach oben gebogenen Spitze.