München, im Oktober

Hier sind sie noch immer – oder schon wieder – die autochthonen Münchner Nazis von 1923: auf den Zuschauerbänken des Schwurgerichtssaals, in dem zum zweitenmal der Huppenkothen-Prozeß verhandelt wird. Sie tragen erbsengrüne Lodenmäntel und haben Knotenstöcke mit Horngriffen. Doch auch das jüngere Element ist vorhanden, der hoffnungsvolle Nachwuchs, der nicht mehr so recht zum Zuge kam. Schwarz-rot und grün-rot gewürfelte Hemden scheint ihre Lieblingsbekleidung zu sein. Seit 14 Tagen stellen sie sich, lange bevor die Saaltüren geöffnet werden, ein, statt zur Arbeit oder wenigstens zum Arbeitsamt zu gehen.

Ach, wenn sie nur so dürften, wie sie gerne möchten! Dann würden sie’s dem Generaloberst Halder, dem Justizminister a. D. Josef Müller, dem Prinzen Philipp von Hessen und den anderen Zeugen der Staatsanwaltschaft schon sagen! Denn daß der deutsche Zusammenbruch nicht erst an der Weichsel begann oder am 20. Juli 1944, sondern schon am 30. Januar 1933, das hat dieses Prozeßpublikum noch nicht begriffen.

Ihr Haß ist fast physisch fühlbar. Er richtet sich auch gegen den Vorsitzenden, Landgerichtsrat Josef Mattner, der die Verhandlung straff und sachlich führt. Ein leises Summen ist in diesem Gerichtssaal, es ist ein Atem, der gerne zu Worten würde, und ein Rascheln von Kleidern und Füßen.

"Anständige Deutsche haben sich entschlossen", so beginnt die Präambel des sogenannten "Berichtes". Das war der Bericht Josef Müllers, des einzigen Überlebenden des Massakers von Flossenbürg, über die Friedensverhandlungen, die er im September 1939 in Rom durch Vermittlung des Vatikans geführt hat. "Wegen dieser Worte, Herr Huppenkothen", sagte Müller, "bin ich bei meinen Vernehmungen in Berlin und Flossenbürg besonders geschlagen worden." Da lächelte man im Zuschauerraum. Man lächelte auch noch, als Müller sagte: "Sie sind hier nicht mehr in der Prinz-Albrecht-Straße, Herr Huppenkothen." Das geschah, als der Angeklagte, femini wirkend, aber zäh, geschmeidig und ohne einen erkennbaren Funken von Reue, den Zeugen ins Kreuzverhör nehmen wollte, ob dieser "den Angriffsplan verraten habe". Aber ein wenig später gab es doch auch bei den Zuschauern einen Gefühlsumschwung, nämlich, als Müller sagte: "Ich dachte, daß es auch für die SS und den SD einen Ehrenkodex gab" und dem Angeklagten mit der Patriotenmaske vorhielt, daß er doch in seinen Nürnberger Aussagen den Amerikanern seine eigenen Kameraden verraten habe.

Bis dahin hatten die Angeklagten – der frühere SS-Standartenführer und Regierungsdirektor im Reichssicherheitshauptamt,Walter Huppenkothen, und Dr. Otto Thorbeck, ehemaliger Inspektionsrichter Süd der Waffen-SS – den Prozeß in eine Anklage gegen ihre Opfer, gegen Admiral Canaris, General Oster, Heeres-Chefrichter Dr. Sack, Reichskriegsgerichtsrat von Dohnanyi, Pastor Dietrich Bonhöffer und Hauptmann Gehre und gegen Josef Müller selbst umzukehren versucht. Es schien diesen Angeklagten nicht klar zu sein, daß sich die Zeiten geändert haben und daß es jetzt nur um ein einziges Wort geht. Es lautet: "Hinrichtung". Dieses Urteil war nur anwendbar, wenn sich der Vollzug der Todesstrafe auf ein festes Recht und auf ein geordnetes rechtmäßiges Verfahren gestützt hat. Treffen diese Voraussetzungen nicht zu, dann sind die sechs Opfer von Flossenbürg nicht "hingerichtet", sondern ermordet worden. Und das Münchner Schwurgericht wird die Angeklagten Huppenkothen und Thorbeck, die als Vertreter der "Anklage" und des "Gerichtes" dabei mitgewirkt haben, strafrechtlich entsprechend einzustufen haben.

Das erste Urteil des Schwurgerichts München 1 vom 16. Februar 1951, in dem Huppenkothen wegen Pflichtverletzung als Amtsvorgesetzter, gefährlicher Körperverletzung, Körperverletzung im Amt und Mißhandlung im Amt zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, aber von der Anklage der Beihilfe zum Mord in sechs Fällen freigesprochen wurde, ist in der Revisionsinstanz vom Bundesgerichtshof am 12. Februar 1952 aufgehoben worden. Der Bundesgerichtshof hat den Fall nicht nur zur nochmaligen neuen Verhandlung und Entscheidung an die Vorinstanz zurückverwiesen, er hat seine Entscheidung mit bindenden Rechtsbelehrungen versehen, die in ihrer grundsätzlichen Bedeutung weit über den Fall Huppenkothen hinausgehen. Das Schwurgericht München hatte nämlich in seinem Urteil vom 16. Februar 1951 bejaht, daß es sich in Flossenbürg um "Standgerichtsverfahren" gehandelt habe, bei denen jedenfalls das "gerichtliche Gesicht" gewahrt worden sei. Die den sechs Opfern zur Last gelegten Handlungen hätten nach dem damaligen Rechtszustand Hoch- und Landesverrat oder Feindverrat dargestellt. Daher könne nicht behauptet werden, daß die Verurteilten im Sinne der damaligen Anklage und des damaligen Rechtes unschuldig gewesen seien. So müsse man auch die gegen sie ergangenen Todesurteile für rechtens halten, wodurch die Möglichkeit ausscheide, eine Mitwirkung bei diesem Standgerichtsverfahren als Beihilfe zum Mord zu werten.