Begegnung mit Otto von Habsburg / Von Robert Strobel

Otto von Habsburg, der älteste Sohn des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn, hat für die schwere Rolle, die ihm das Schicksal seines Hauses aufgebürdet hat, einen zeitgemäßen Stil gefunden: Er bereist die Länder Westeuropas und Amerika, kennt viele Mächtige der westlichen Welt und kann seine Gedanken über die unsere Zeit bewegenden Probleme dort darlegen, wo sie maßgeblich geformt werden. Er ist also dem politischen Geschehen nicht so fern, wie es nach den äußeren Umständen den Anschein hat, wenn auch sein Einfluß, wie sich versteht, eng begrenzt ist. Im Gespräch mit ihm gewinnt man den Eindruck, daß er seiner Aufgabe mit selbstkritischer Nüchternheit dient. Daß sie den Glanz vermissen läßt, der ihm unter normalen Umständen im alten Europa beschieden gewesen wäre, scheint ihn kaum zu berühren.

Vor wenigen Tagen sprach er als Gast des Bundes deutscher Föderalisten in Bonn Unter den Versammlungsteilnehmern sah man bekannte Politiker: so den Bundesjustizminister Dr. Dehler, den früheren Staatspräsidenten von Südbaden, Wohleb, Minister Süsterhenn, mehrere Abgeordnete des Bundestages, Mitglieder des Bundesrates, den Prinzen Oskar von Hohenzollern; beträchtlich war auch die Zahl der Heimatvertriebenen. Die Rede (das Thema hieß: Die europäische Bedeutung des Donauraums) bot eine überzeugende Analyse der europäischen Situation von heute und skizzierte die möglichen Entwicklungen unter besonderer Berücksichtigung der Aufgaben des Donauraums. War der Redner bei seinem Auftreten mit konventionellem Höflichkeitsapplaus begrüßt worden, so gewann er bald seine Zuhörer so sehr, daß sie ihm wiederholt spontan applaudierten. Wahre Beifallsstürme aber erntete er als Diskussionssprecher wegen der Schlagfertigkeit und Geschicklichkeit seiner Formulierungen.

Der Redner hat dem Typ des Managers, der wie in der Wirtschaft auch in der Politik immer stärker in den Vordergrund drängt, manches von seiner Façon der Auseinandersetzung abgeguckt. Aber es ist ihm der Sinn für das Symbolhafte geblieben, der jenen fehlt. Da stand er, dessen Name ein Sinnbild für das Provisorische politischer Zustände in unserer Zeit ist, und warnte vor dem Irrglauben, aus dem westeuropäischen Provisorium ein Definitivum machen zu können. Es gebe keine Renaissance des karolingischen Reiches, Westeuropa müsse seinen natürlichen Lebensraum zurückgewinnen, der immer an den Karpaten verteidigt worden sei und zu dem das Gebiet der jetzt unterdrückten Satellitenstaaten gehöre, oder es werde eines Tages dem stalinistischen Machtbereich verfallen. Straßburg könne nur als ein Piemont der richtige Wegweiser in die europäische Zukunft sein.

Das sind gewiß keine prophetischen Erkenntnisse, aber es ist gut, daß sie von solchem Munde ausgesprochen wurden. Denn man hat manchmal in Bonn den Eindruck, als ob das politische Spezialistentum den Blick für diese beunruhigende Wirklichkeit trübe. Die politischen Manager sprechen zwar professionell von den Ideen unserer Zeit, am liebsten von der europäischen Idee; aber vielen von ihnen merkt man an, daß sie an ihre Ideen nicht glauben. Sie glauben im Grunde nur an Vorteile und Zweckmäßigkeiten. Hier aber stand einer, dessen Ahnen im Glänze einer großen Idee gewirkt haben und der um die Kraft des historisch Gewachsenen weiß, das durch keine Retortenlösungen ersetzt werden kann. Waren es nicht zum Teil auch Manager mit Patentlösungen aus der Retorte, die, sich des machtgierigen Nationalismus bedienend, ein Reich zerschlugen, das trotz aller nationalen Verschiedenheiten durch die Gemeinsamkeit einer langen kulturellen Entwicklung, der Lebensform, der Religion, der Geschichte wie der Tradition jahrhundertelang zusammengehalten hatte? War dieses Reich nicht eine Vorstufe des Europas, das man nun nach so vielen Irrwegen und Leiden zu errichten bemüht ist?

Gewiß, man kann nicht simplifizierend alle Schuld den Politikern von Versailles und St. Germain und ihren Ratgebern aus den Nachfolgestaaten geben. Die Habsburger Monarchie selbst war der schicksalhaften Aufgabe, die ihr in der letzten Phase gestellt war: das Reich in eine Föderation autonomer Länder umzuwandeln, nicht gewachsen. Sonst wäre sie vielleicht nicht untergegangen. Ob Habsburg nach jenem Versagen den Völkern des Donauraumes noch jemals ein staatenbildendes Symbol werden kann, ist fraglich. Hätte freilich die ältere Generation damals vorausgeahnt, daß der von ihr umjubelte Benesch und seine Kollegen in Bukarest und Belgrad auf lange Sicht nur Wegbereiter des Sowjet-Kommunismus sein würden, dann hätte sie wahrscheinlich die Meinung Palackys ernster genommen, man müßte die Donaumonarchie erfinden, wenn es sie nicht gäbe.

In diesem Räume herrschte einst die Toleranz. Nur aus ihr könnte eine neue politische Verbundenheit jener Länder wachsen. Ob die Gemeinschaft eine monarchistische Spitze haben wird, überhaupt haben kann, ist eine andere, jetzt unzeitgemäße Frage. Aber daß die Toleranz die Wiederherstellung der Menschenrechte, vor allen des Rechtes auf die Rückkehr die angestammte Heimat für alle Vertriebenen in sich schlösse, mag sich von selbst verstehen. Es ist aber ein Verdienst Ottos von Habsburg, daß er im Sinne dieser sittlichen Forderung wirkt.