F. G. Rom, im Oktober

Nur die traditionellen roten Nelkensträußchen, die ein paar junge Damen des Mailänder Bürgertums den Delegierten der Comisso überreichten, erinnerten noch an sozialistische Brauchtum. Im übrigen fehlten in der Scala, wo der Kongreß eröffnet wurde, die roten Fahnen, die Plakate mit den revolutionären marxistischen Losungen, und die "Internationale" wurde durch Beethovens Sechste Symphonie ersetzt. Die alten Revolutionäre mit der roten Krawatte sind zu Politikern im Stehkragen geworden, cenen es nicht mehr um die Prinzipien alter Manifeste geht, sondern um die Gunst der nationalen Wählermassen, nicht mehr um hartes Brechen, sondern um Biegen und Krümmen, und vor allem: nicht mehr um Brüderlichkeit, sondern um nationale Interessen. Sie sind ja "an der Macht" oder "mit an der Macht" und haben sie zu verteidigen. Nur in Rom, wo der Druck der Kommunisten viel zu stark ist, als daß die sozialdemokratischen Saragattiani sich des revolutionären Nimbus entledigen könnten, schüttelte man den Kopf über einen internationalen Parteikongreß, der statt sozialistisch, diplomatisch war.

Für Italiens Sozialdemokraten ist die bedingungslose Europa-Einheit das A und 0 ihrer außenpolitischen These und zugleich der Ausweg aus allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, für die übrigen versammelten Sozialisten Westeuropas ist diese Einheit problematisch. Spaak polemisierte wie gewöhnlich gegen Klein-Europa und verlangte das "größere" einschließlich der Engländer, Attlee wehrte entrüstet ab, die Skandinavier widmeten der Frage kaum eine Silbe, die deutschen Sozialdemokraten sprachen davon, meinten im Grunde aber nur die deutsche Einheit, die Franzosen horchten nicht an die Sprecher, sondern nach dem radikal-sozialistischen Kongreß hin, der der Atlantik-Konstruktion einen tüchtigen Stoß versetzte, und so blieben denn die Italiener allein. Was schließlich als Resolution herauskam, sollte alle befriedigen, befriedigte aber niemanden, ein Kompromiß, just um zu verhindern, daß bei der Abstimmung jemand "Nein" sagen konnte.

Die offene und versteckte Feindseligkeit der englischen, französischen und belgischen Delegierten gegen die Triester These Saragats, der die demokratische Selbstbestimmung für die Stadt forderte, hat die Italiener bestürzt. Die sozialistische Internationale, so intransigent in der Verurteilung des spanischen Falangismus und des despotischen Stalinismus, sollte es logisch finden, daß Titos Stellung gehalten wird? Labouristische Freundschaften und Sympathien mischen sich mit britischen Restaurationsbestrebungen einer Donauraum-Politik; französische Ängste, daß die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts für die Triestiner als Präzedenzfall für die Saar gewertet werden könnte, mischen sich mit Erinnerungen an die "Kleine Entente" verflossener Zeiten, und die Belgier sekundieren ihren Londoner und Pariser Freunden. Man sah Triest von zwei Seiten: vom Osten her als diplomatisches Problem, das diejenigen Völker beschäftigt, die strategische und wirtschaftliche Interessen an der Adria haben, vom Westen her als Schicksalsgebiet von Menschen, die in ihm geboren sind, leben und arbeiten und begraben werden. Nur die Intervention Spaaks verhinderte, daß es zwischen den italienischen und franko-britischen Sozialisten zum offenen Bruche kam.

Die Notwendigkeit, sich zur gleichen Zeit gegen die Kommunisten und das Unverständnis der westeuropäischen Bruderparteien für die sozialen und nationalen Belange Italiens zu verteidigen, zwingt die italienischen Sozialdemokraten, mit de Gasperi auf Gedeih und Verderb zusammenzugehen. Das Dilemma ist, daß sie dabei niemanden mehr zum Sozialismus bekehren werden, und am allerwenigsten den kommunistischen Steigbügelhalter Nenni. Aber die paar hunderttausend Stimmen, die Saragats Partei bei den nächsten Frühjahrswahlen doch noch bekommen wird, werden wahrscheinlich Italiens Demokratie vor den Extremisten retten. Trotz der Zweiten Internationale, die sich in Mailand nicht viel aus ihr zu machen schien.