Stuttgart, Ende Oktober

Es dürfte nichts Alltägliches sein, daß der Bürgermeister eines Gemeinwesens kurzerhand die für den Abend anberaumte Sitzung seines Gemeinderates absetzt, um den Mitgliedern dieses kommunalpolitischen Gremiums die Möglichkeit zu geben, als Angehörige ihres ortsansässigen Gesangvereins vor einer Vereinigung alter Fliegerkameraden Proben ihres beachtlichen Könnens als Sänger abzulegen. So geschehen unlängst im Weindorfe Schnaith im lieblichen Tale der Rems, der Heimat Friedrich Silchers, von dem denn auch Chorlieder zu hören waren.

Es war aber auch ein interessanter Kreis, der sich nach vielen Jahren wieder einmal zusammengefunden hatte. Denn die "Alten Adler" verkörpern rund fünfzig Jahre deutscher Fluggeschichte und nahmen an der Entwicklung der internationalen Fliegerei einen hervorragenden Anteil.

Wie der "Sterne Chor um die Sonne sich stellt", sc umstanden sie Deutschlands ersten Piloten, August Euler der sich mit seinen 84 Jahren noch immer jugendliche Kraft und die Lebendigkeit bewahrt hat. Verkörperte er die alte Garde der "Schwerer-als-die-Luft-Pioniere", so war der ehemalige Generaldirektor des Luftschiffbaues Zeppelin, Alfred Colsman, gleichfalls Jahrgang 68, der Repräsentant der "Leichter-als-die-Luft-Fakultät".

Wer zählt die Namen? Da traf man einen der ersten deutschen "Herrenflieger", den heutigen Münchener Nervenarzt Lindpaintner, der schon am ersten Überlandflug-Wettbewerb in Europa, dem "Circuit de l’Est", im Juli 1910 teilnahm; man sah den ersten deutschen Flieger, der bereits 1913 von Berlin über Brüssel und Paris nach London und zurück flog, Alfred Friedrich; da war Igo Etrich, der Konstrukteur der in ihren Formen geradezu künstlerisch wirkenden "Taube", die mit Recht europäischen Ruf errang und sogar in einem Operettenschlager ("Ich glaube, ich glaube, dort oben fliegt ’ne Taube") gefeiert wurde; da war Heinrich Oelerich, der im Februar 1914 schon seinen 4000. Flug hinter sich brachte; da war der ehemalige Albatrosflieger Leo Roth, dem als ersten deutschen Flieger ein Looping auf einem Doppeldecker glückte; da waren die deutschen Offiziers- und Unteroffiziersflieger, deren Namen im ersten Weltkrieg bekannt wurden: Fisch, Mühlig-Hofmann, Geyer, Reinhardt; da war Canter, der Sieger im Prinz-Heinrich-Flug von 1912, Kastner; am selben Tisch saßen v. Hantelmann, Friedensburg, Franz Hailer (heute Mitorganisator der kommenden Münchener Verkehrsausstellung 1953), Griebel und Zahn, und der endlich die Freiheit wieder genießende Felmy mit seinem einstigen Pibten, den alten Sergeanten Laim. Einige unserer ersten Konstrukteure waren zugegen, wie Max Schüler, der sich 1909 schon seinen eigenen Eindecker mit selbstkonstruiertem 14-PS-Motor hatte, und Ernst Heinkel, der allzu bekannt sein dürfte, als man noch etwas über ihn sagen müßte; und schließlich sah man den 74jährigen Professor Dr. med. Koschel wieder, der einst der Fliegerfacharzt war und heute noch immer ein gleich beliebter Rezitator von Knüttelversen ist wie vor vielen Jahren.

Alle diese "Alten Adler" haben schon vor dem ersten Weltkrieg "den Knüppel gerührt". Von denen, die während des ersten Weltkriegs fliegen lernten, waren die Pour-le-mérite-Flieger Bolle, Blume, Buckler, Jacobs, Osterkamp und Sachseberg gekommen. Es waren die Sportflieger Siebel und Morzik erschienen: zweimalige Sieger im Europa-Rundflug, der einst berühmte Kunstflieger Stör, der Fliegerdichter Peter Supf, und die Segelflieger Stahmer und Wolf Hirth, des großen Hellmuth Hirth Bruder, der nun als Präsident des Deutschen Aero-Clubs die "Alten Adler" in seine große Fliegerfamilie aufnahm und ihnen einen Ehrenplatz einräumte.

Mit dieser liebenswürdigen Geste wurde glücklich eine Klippe umschifft, die plötzlich drohend auftauchte. Man stritt sich nämlich darüber, ob diese vor etwa 25 Jahren gegründete freie und unabhängige Gemeinschaft ohne jede rechtliche Grundlage sich nun zu einem Verein umgestalten sollte oder nicht. Und es zeigte sich, daß da ein Horror vor Vereinsregistern, Vorstandsposten, Beiträgen und Vereinsmeierei überhaupt wirksam war. Die "Alten Adler" waren von jeher recht schwierige Untergebene, sie würden auch schlechte Vereinsergebene sein. So blieb man das, was man bislang gewesen: eine zwanglose Runde alter Flieger, und das ist recht so. Auch die absurde Idee, die "Alten Adler" in Kategorien, wie Flugzeugführer, Beobachter, Konstrukteure, Mäzene und dergleichen mehr zu unterteilen, verfiel in frischer Erinnerung an die unselige Gruppierung des deutschen Volkes bei der Entnazifizierung der allgemeinen Lächerlichkeit und Ablehnung. Und auch darin tat man recht. Endlich entschloß man sich, die fröhliche Runde nicht aussterben zu lassen, sondern sie weiter am Leben zu erhalten durch jährliche Zuwahl besonders sympathischer Fliegersleute. Einigen wenigen, die aus Eitelkeit daran keinen Gefallen finden mochten, redete zum Schluß ein alter Herr, Fritz v. Falkenhayn, der Sohn des ehemaligen Generalstabschef, ins Gewissen und mahnte sie, in ihrem Alter kein besonderes Verdienst zu erblicken. Damit war das erlösende Wort gesprochen und der guten, noch immer bewährten Kameradschaft ein großer Dienst erwiesen.

Ohne Zweifel, es liegt eine gewisse Romantik in der Erinnerung an die alten Tage, wo Ingenieur, Erfinder und Flieger ihr Letztes gaben, um einen großen Gedanken in die Tat umzusetzen, und jedem, der damals mit dabei war, wird man Achtung und Anerkennung nicht versagen. Doch von der Romantik kann man nicht leben, und der Menschenflug ist nun schon lange Tatsache geworden. Wer aber will bestreiten, daß auch die heutigen Piloten auf ihren Düsenflugzeugen und dem, was noch alles kommen mag, Pionierarbeit leisten? Walther F. Kleffel