Die Ruhrstädte stehen alle ausnahmslos vor den gleichen Aufgaben der Bildung und Erziehung, der musischen Anspannung und Entspannung, die ihren Bürgern das harte Leben des Alltags erleichtern sollen. In der Rhein-Ruhr-Stadt, der "Eisenstadt", wie man Duisburg einmal bündig genannt hat, weil in seinen Stadtgrenzen 25 v. H. des Eisens und des Stahls der Bundesrepublik erzeugt werden, wohnen rund 450 000 Menschen und somit sind die kulturellen Verpflichtungen der Stadt nicht gering.

Sie braucht zum Glück nicht künstlich kulturellen "Wind" zu machen. Von jeher war der Sinn der Bürger musischen Dingen zugewandt, vor allem der Musik. Unlängst feierte der Städtische Musikverein sein hundertjähriges Bestehen, ein rühmliches Zeichen für die traditionelle Pflege des musischen Lebens. Auch die Duisburger Oper, um deren Gedeihen der verstorbene Oberbürgermeister Dr. Karl Jarres hervorragende Verdienste hatte, verdankt ihre Entstehung privaten Impulsen; sie erwarb sich bald in Westdeutschland einen bedeutenden Ruf, nicht zuletzt durch ihren immer lebendigen, von Spitzenkräften getragenen Spielplan. Soeben haben Bürgerschaft und Verwaltung in gemeinsamer Anstrengung die letzten Kriegsschäden, die dieses bedeutende Kunstinstitut erlitt, beseitigt und sein Haus für die Saison 1952/53 wiederhergestellt. Duisburg kann sich jetzt wieder eines Theaters rühmen, das unter die schönsten und modernsten, vor allem auch technisch leistungsfähigsten Westdeutschlands zu rechnen ist.

Die Stadt verfügt über ein erstklassiges Orchester, dessen Konzerte stets ausabonniert sind. In seiner langjährigen Geschichte erscheinen die Namen bedeutender Dirigenten, von denen nur Paul Scheinpflug und Eugen Joch um genannt seien. Zur Zeit wird es von Georg Ludwig Jochum geleitet, der in der jüngeren Dirigentengeneration einen ausgezeichneten Namen hat und in diesen Tagen für weitere fünf Jahre verpflichtet wurde. Übrigens hat Duisburg mit den ständigen Jugendkonzerten und dem Jugendtheater eine im ganzen Westen vielbeachtete Einrichtung geschaffen, die von der Jugend in stärkstem Maße in Anspruch genommen wird. Die Stellung der Duisburger Bühne wurde eben erst besonders hervorgehoben durch die Tagung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft vom 23. bis 26. Oktober (der ersten seit fünfzehn Jahren), bei der neben Vorträgen bedeutender Shakespeare-Kenner "Troilus und Cressida", "Ein Sommernachtstraum", "Ende gut, alles gut" und "Der Kaufmann von Venedig", durchweg in /ieldiskutierten Übertragungen zeitgenössischer deutscher Übersetzer, zur Aufführung kamen.

Mit Theater und Konzerten sind die kulturellen Aufgaben einer großen Industriestadt indessen nicht erschöpft. Die Duisburger Stadtväter haben mit Recht ihre Aufmerksamkeit auch dem Buch zugewandt; denn, um mit Jean Paul zu sprechen, "wenn Bücher auch nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie dennoch". Die Stadtbücherei wurde im Kriege völlig zerstört, die Versorgung der Bürger mit belehrender und belletristischer Literatur war jahrelang nicht so beschaffen, wie es sich für eine cerart große und hart arbeitende Stadt gehört. Jetzt präsentiert sich im Duisburger Stadtpark die neue, vor einigen Monaten ihrer Bestimmung übergebene Stadtbibliothek, ein höchst modernes, nach den jüngsten Erfahrungen und Erkenntnissen eingerichtetes Gebäude, dessen Bücherbestände laufend aufgefüllt werden. Bezeichnend für Duisburg ist, daß die Entleihungen der wissenschaftlichen und belehrenden Werke höher sind als die der belletristischen.

Neben den städtischen Einrichtungen, unter denen noch das Kunstmuseum wegen seiner positiven Einstellung zur modernen Kunst – an sich eine sehr natürliche Sache in der Heimatstadt Lehmbrucks – zu erwähnen ist, gibt es zahlreiche private Vereinigungen, wie die Universitätsgesellschaft und die Mercatorgesellschaft, die periodisch mit öffentlichen Veranstaltungen akademischen wie musischen Charakters hervortreten.

Besonderer Hervorhebung wert ist aber die liebevolle kulturelle Betreuung, welche die großen Unternehmen der Industrie und des Bergbaus gegenüber ihren Belegschaften üben. So unterhält etwa das Mannesmann-Hüttenwerk ein eigenes, sehr diszipliniertes Werkorchester mit vierzig Musikern. Das gleiche Werk baut eine Kammerbühne für seine Angehörigen. Das ist keineswegs ein vereinzelter Fall. Vielmehr kann man sagen, daß die Firmen des Duisburger Raumes sich die Beschäftigung mit geistigen und künstlerischen Dingen mit größtem Ernst und planvoller Stetigkeit angelegen sein lassen. Adolf Engels