Von Wolfgang Menge

Milo Renelt, den man den "erfolgreichsten Mann mit dem zweiten Gesicht" im Nachkriegsdeutschland genannt hat, will uns verlassen. Er hat sich entschlossen, das Feld seiner Tätigkeit nach Amerika zu verlegen. Als wir ihn aufsuchten, kam das Gespräch auch auf seine amerikanischen Pläne. Er werde sich wahrscheinlich in Los Angeles einer "Forschergruppe" anschließen – sagte er. Dort soll er nach Wasseradern, Öl und Mineralien suchen, die noch im Schöße der Erde verborgen sind. Es leuchtet jedermann ein, daß die Entdeckung von Ölfeldern einträglicher sein wird, als verheirateten Damen zu sagen, sie würden sich unterm Christbaum verloben.

Milo Renelt hatte sich erst vor einigen Monaten aus Bayern zurückgezogen, da er sich mit der dortigen Staatsanwaltschaft nicht recht verstand. Er ließ sich in Hamburg nieder, und hat seinen Ordinationsraum im Klubzimmer der Hamburger Milchwirtschaft am Rande des idyllischen Stadtparks. In Bayern gibt es nämlich noch, wie in jedem anderen Lande der Bundesrepublik, einen "Gaukeleiparagraphen"; in Hamburg nicht. Das heißt auf gut Deutsch: In Bayern ist der arme Hellseher auf Geschenke angewiesen, während er in Hamburg Honorare fordern kann.

"Die Honorare sind nie höher als bei normalen Auskunfteien", sagte sein Sekretär, "von zehn Mark an aufwärts". – Wie weit aufwärts? Nun, nach oben sind der Großzügigkeit keine Grenzen gesetzt.

Renelts Spezialität ist es, aus Photos und Schriftproben unbekannter Menschen den Charakter zu deuten. Wenn er Gegenstände eines Vermißten abtastet, sagt er auch, was aus ihnen geworden ist. So sagte er einmal, daß zwei Hamburger Jungen, die kürzlich verschwunden waren, sich in einem Lande aufhielten, in dem tschechisch gesprochen wird. Leider rückte er mit diesem Wissen erst heraus, als die Jungen bereits gefunden waren. Überhaupt scheinen seine größten Leistungen sich in unkontrollierbaren Gefilden abzuspielen oder in der Vergangenheit.

So begann Renelts Hellsehertum bereits, als er sechs Jahre alt war. Er war mit ein paar Klassenkameraden auf dem Schulweg. Sie hatten sich verspätet, und seine Freunde sagten: "Wir müssen Trab machen!" – "Das brauchen wir nicht", sagte der sechsjährige Hellseher, "der Lehrer hat sich ein Bein gebrochen." Und tatsächlich, als die Jungen zur Schule kamen, hatte sich der Lehrer ein Bein gebrochen, sagt Renelt.

Später ging Renelt in die Drogistenlehre. Aber die Erscheinungen ließen ihm keine Ruhe. Noch heute, wenn er in der Straßenbahn fährt, lastet bald die schwere Bürde der Schicksale seiner Mitfahrenden auf ihm. Und manchmal kann er’s nicht ertragen, er springt ab – sagt Renelt. Während des Krieges war er Wachtmeister in einer Sanitätskompanie – sagt Renelt. Dann ging er nach Bayern und betrieb den Beruf, den seine Begabung ihm vorschrieb.