Bonn sollte seine Absichten endlich verwirklichen

Die Bremer Borgward-Werke servierten der deutschen und ausländischen Öffentlichkeit in der vergangenen Woche eine ganz besondere Überraschung: den Beginn der Serienfertigung ihres "Hansa 2400", der als erster deutscher Wagen mit einem vollautomatischen Strömungsgetriebe ausgestattet ist (vgl. hierzu unseren Bericht unter "Neue Produktion"). Der festliche Start der Serienfabrikation dieses großen Tourenwagens mit seinem sympathischen Gesicht und einer Fülle von anerkennenswerten Eigenschaften durch Dr. Carl F. W. Borgward, fiel zeitlich mit dem Eintreffen der Siegesnachrichten von der Versuchsbahn Montlhery bei Paris zusammen, auf der die Borgward-Werke mit ihrem 1,5-Liter-Sportrennwagen unter ungünstigsten Wettervoraussetzungen mal eben fünf Weltrekorde nach Bremen holten...

Allerdings konnte die Freude über die Erfolgsserie der Borgward-Rennmannschaft und die begeisterte Aufnahme des "großen Borgward" anläßlich seiner Taufe die verantwortlichen Männer der Borgward-Gruppe – also Borgward, Goliath und Lloyd – nicht davon abhalten, mit allem Ernst eine Lanze für eine energische Exportförderung zu brechen. Man ist in den Kontoren und Werkhallen von Bremen-Seebaldsbrück der Ansicht (und weiß sich mit der gesamten deutschen Industrie darin einig), daß Bonn das bisherige Gerede von der notwendigen Exportförderung endlich einmal in die Tat umsetzen sollte. Dir. Schindelhauer nahm kein Blat: vor den Mund und war ehrlich genug, offen zuzugeben, daß der Export mehr und mehr auf Schwierigkeiten stoße. Er brauchte durchaus nicht mit dem Paradebeispiel Brasilien aufzuwarten: auch Schweden hat die Einfuhr von Kraftfahrzeugen eingeschränkt; Dänemark und Finnland planen desgleichen Importbeschränkungen, und auf den typischen deutschen Kfz-Exportmärkten Belgien, Holland, Portugal, der Schweiz und Schweden machen sich gewisse Sättigungserscheinungen bemerkbar, während es in Südamerika, Australien, der Türkei und den britischen Gebieten zum Kauf deutscher Kraftfahrzeuge an Devisen fehlt. Es bleibt abzuwarten, ob man in Bonn auf diesen Wink aus der weltoffenen Roland-Stadt entsprechend reagiert ...

Wir möchten es hoffen, zumal die Borgward-Männer durchaus nicht pro domo sprachen. Ihre Produktion erreichte 1951 rund 36 000 Kraftfahrzeuge; 30 000 waren es in den ersten drei Quartalen 1952, und bis Ende Dezember werden es 40 000 sein, die die Montagebänder verlassen haben. Senator Wolters, Bremens rühriger Wirtschaftsexperte, meinte sehr treffend dazu: "Bremens Kraftfahrzeugindustrie ist längst zu einem Akteur im Reigen der deutschen Automobilfabriken geworden." Im Vorjahr exportierte Borgward 33 1/3 v. H. seiner Produktion; 1952 stieg der Anteil bisher auf 38 v. H. und macht immerhin einen Wert von 32 Mill. DM aus (1951: 33 Mill.). Der LKW-Anteil beläuft sich dabei auf 30 v. H., wobei vermerkt sei, daß der 4-t-Diesel im Ausland auf eine immer größere Nachfrage stößt.

Neben den Exportförderungswünschen gab es in Bremen noch zwei weitere Wünsche: Senator Wolters protestierte mit Nachdruck gegen die Rückständigkeit des deutschen Straßenwesens und verlangte die Aufhebung der bisherigen Geschwindigkeitsbegrenzung, und Dir. Schindelhauer verwahrte sich gegen eine zusätzliche Belastung der Kraftfahrzeughalter durch die Ausbaupläne der Autobahn. Er meinte, von den 1,2 Mrd. DM, die die Kraftfahrer je Jahr aufbringen, könnte man doch wohl die Hälfte zweckgebunden für den Ausbau des Straßennetzes verwenden und würde dann kaum mit Autobahnbausorgen kommen. Womit er zweifelsohne recht haben dürfte... Willy Wenzke