Westdeutschlands Exportwirtschaft antwortet

Von Rolf Audouard

Auf die Veröffentlichung in unserer Ausgabe Nr. 42 vom 16. Oktober "Das leidige Thema: Brasilien-Kontrakte", die sich in der Diskussion über das Brasilien-Problem um Verständnis für den Standpunkt der Bank deutscher Länder bemühte, ist uns eine Reihe von Entgegnungen zugegangen. Zur Abrundung der Diskussion veröffentlichen wir nachfolgend eine Stellungnahme, die das Problem Brasilien von der Seite der Exportwirtschaft beleuchtet.

Die Erörterungen, die in der Öffentlichkeit über die im Zahlungsverkehr mit einigen Exportmärkten entstandenen Schwierigkeiten geführt worden sind, haben den Exportpraktiker bisher nur wenig befriedigen können. Es hat den Anschein, daß man dabei den Tatsachen nicht immer gerecht geworden ist. Wie haben sich denn die Dinge, etwa im Brasilien-Fall, in Wirklichkeit entwickelt?

Bis August 1950 wurden deutsch-brasilianische Exporte im wesentlichen über Gegenseitigkeitsgeschäfte abgeschlossen. Bei Kontrakten, die außerhalb dieses Rahmens lagen, wußte der Exporteur, daß er auf den Transfer eine gewisse Zeit würde warten müssen. Er konnte mit dieser Zeit kalkulieren und sich darauf einrichten. Mit Abschluß des Zahlungsabkommens zwischen der Bank deutscher Länder und Banco do Brasil war der Exporteur darauf angewiesen, den darin vorgesehenen Konten weg zu benutzen. Die zuvor gegebene Möglichkeit, das Transferrisiko abzudecken, bestand damit nicht mehr. Der Exporteur durfte aber annehmen, daß der Bindung der Zahlung an einen bestimmten Kanal – nämlich die BdL – die Verpflichtung zum Transfer gegenüberstand. Es gab für ihn jedenfalls keinen ersichtlichen Grund, die Bundesgarantie und Bürgschaft in Anspruch zu nehmen, wenn Zahlung durch Akkreditiv oder Anzahlung in genügender Höhe mit Restzahlung gegen Dokumente vereinbart war. Mit der Veröffentlichung des Zentralbankratsbeschlusses vom 3. September d. J. wurde die Exportwirtschaft darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich in diesem Vertrauen gründlich geirrt hatte.

Abgesehen von den faktischen Wirkungen sind die psychologischen Konsequenzen dieses Beschlusses zur Zeit überhaupt noch nicht abzuschätzen. Wenn die Verfechter dieser Maßnahme der Meinung sind, die Exportwirtschaft hätte wissen müssen, daß die Brasilien-Situation wegen der Höhe der Verschuldung bedenklich sei, so ist eine solche Feststellung wenig realistisch. Denn so häufig und so eindringlich auch an die Exporteure Appelle zur Steigerung ihrer Ausfuhrbemühungen gerichtet worden sind, so sehr haben es die dafür verantwortlichen Stellen daran fehlen lassen, die Exporteure über die wachsende brasilianische Verschuldung rechtzeitig und eingehend genug zu unterrichten. Der oft gehörte Einwand, daß man die Gefahr vermeiden wollte, durch solche Veröffentlichungen das eine oder andere Schuldnerland zu diskriminieren, ist wenig durchschlagend, denn Kommentare zu derartigen Veröffentlichungen wurden von niemandem verlangt, zumal es auch genügend Instanzen der Exportwirtschaft selbst gibt, die die Warnung hätten weitergeben und kommentieren können. Leider wurde bisher auch eine Information darüber zurückgehalten, was überhaupt zwischen der Bank deutscher Länder und Banco do Brasil im Juli d. J. in Rio vereinbart wurde. Es wäre nicht mehr als recht und billig, daß die durch die Maßnahmen der BdL betroffene Exportwirtschaft zumindest darüber aufgeklärt wird.

Es wird nicht verkannt, daß für zukünftige Brasilien-Kontrakte ein Verfahren eingeführt werden mußte, das den bestehenden Debetsaldo Brasiliens abbaut und dazu beiträgt, wieder normale Verhältnisse zu schaffen. Wenn man es jedoch für notwendig hielt, in eine solche Regelung die alten Kontrakte einzubeziehen, so ist man der Exportwirtschaft den Beweis für diese Notwendigkeit bis heute schuldig geblieben. Wenn schließlich versucht wird, die eingetretenen Verluste zu bagatellisieren, so beweist das nur, daß man sich leider nicht überall die richtigen Vorstellungen von der Größenordnung des Brasilien-Geschäftes in bestimmten Branchen und von den Rückwirkungen auf die einzelne Firma macht. Vielleicht wird schon in nächster Zeit in sehr drastischer Weise durch recht ernste Liquiditätsschwierigkeiten bei einer großen Anzahl von kleineren und mittleren Betrieben, die am Brasilien-Geschäft beteiligt sind, deutlich werden, warum sich die Exportwirtschaft gegen die getroffene Maßnahme so energisch zur Wehr setzt.

Im Interesse einer gesunden Weiterentwicklung unserer Wirtschaft und unseres Exports wäre es freilich besser, die Dinge nicht noch weiter auf die Spitze zu treiben, sondern Schritte einzuleiten, die geeignet sind, das Übel der Zahlungsschwierigkeiten im Außenhandel an der Wurzel zu packen. Dazu gehört zweifellos eine Konzeption, die weit über zahlungstechnische Überlegungen hinausgeht und sich auf unsere Außenhandelswirtschaft im ganzen erstrecken muß. Im Export aber muß so schnell wie möglich das Maß von Rechtssicherheit wiederhergestellt werden, ohne das an eine Aufrechterhaltung unserer Ausfuhr nicht zu denken ist.