Wie ernst es der arabischen Welt um die Erhaltung der traditionellen Freundschaft mit Deutschland ist, beweist der Besuch, den eine Delegation in der vergangenen Woche Bonn abstattete. Die vier Delegierten (Ahmed Hassan, Ägypten; Ramsi al Agati, Syrien; Ali el Safi, Irak und Ahmed el Daouk, Libanon) waren beauftragt, im Namen aller arabischen Staaten gegen das deutsche Wiedergutmachungsabkommen mit Israel und seine Ratifizierung zu protestieren. Dieser Schritt muß als eine ernst zu nehmende Warnung der Araber aufgefaßt werden, und Bonn hat allen Grund, diese Proteste nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Die arabische Reaktion war – zumal sich die Araber mit Israel noch immer im Kriegszustand befinden und sie durch die deutschen Warenlieferungen eine Stärkung des Kriegspotentials und der Unterstützung weiterer Eroberungsabsichten Israels befürchten – für jeden mit den Verhältnissen im Vorderen Orient Vertrauten vorauszusehen; auch in Bonn hätte man dies wissen können, wenn die deutschen Diplomaten einige Monate früher in den Nahen Osten entsandt worden wären ...

Wenn wir uns auch der moralischen Verpflichtung voll bewußt sind, die Wiedergutmachungsansprüche der im Hitler-Regime geschädigten Juden erfüllen zu müssen, so wäre es doch unklug, nicht an die Folgen zu denken, die sich aus einem Verlust des gesamten arabischen Marktes für Westdeutschland ergeben würden. Dort leben immerhin 220 Millionen Menschen, deren Bedürfnisse bei einer Hebung des Lebensstandards erhebliche Absatzmöglichkeiten für die Bundesrepublik bieten werden. Schon jetzt verfügt der Handel über nennenswerte Summen: im ersten Halbjahr 1952 lieferten wir an die arabischen Staaten Waren im Werte von 370 Mill. DM und führten für 668 Mill. DM ein. Nach Israel aber wurden im gleichen Zeitraum Waren für 10 Mill. DM geliefert und für 27 000 DM eingeführt.

Es steht leider zu befürchten, daß die arabischen Länder ihren Protest zu einem Boykott deutscher Waren auswachsen lassen. Dann wäre für uns dieser ausbaufähige Markt an die sehr rührige internationale Konkurrenz verloren. Im Augenblick, so schätzt das Bundeswirtschaftsministerium, stehen Exportlieferungen für 3 Mrd. D-Mark auf dem Spiel. Die Wiedergutmachungslieferungen an Israel (müssen wir nochmals betonen, daß wir eine Entschädigung der Geschädigten für selbstverständlich halten?) sollen bis 1954 Waren für 400 Mill. DM umfassen. Darin sind, und das unterstützt nun wieder die arabischen Proteste, erstaunlicherweise Eisen-, Stahl- und NE-Metall-Lieferungen in einem Umfang enthalten, der zu deutschen Lieferungen an andere Länder in keinem Verhältnis steht. Außerdem kann die etwas undurchsichtige Tätigkeit der "Isropa" (Israel-Europa-Dienst GmbH.) in Köln die arabische Haltung und – last not least – die abwartend-vorsichtige Einstellung der mit dem arabischen Boykott bedrohten deutschen Lieferfirmen nur noch versteifen.

Wie können ernsthafte Störungen der arabischdeutschen Freundschaft vermieden werden? Nun, wir machten in unserer Ausgabe Nr. 42 den Vorschlag, mit Zahlungen und Lieferungen an Israel erst zu beginnen, wenn der Kriegszustand im Vorderen Orient beendet ist. Die Araber selbst schlugen die Überweisung der Differenzen an den UNO-Schlichtungsausschuß vor. Und als weitere Möglichkeit sehen wir noch die Errichtung einer neutralen Internationalen Stiftung, an die die deutschen Wiedergutmachungen für geschädigte und vertriebene deutsche Juden zu zahlen wären. Vor allem der letzte Vorschlag wäre wohl geeignet, alle arabischen Bedenken zu zerstreuen, daß wir die Freundschaft der arabischen Welt im Zuge der Wiedergutmachungsvereinbarungen mit Israel leichtsinnig aufs Spiel setzen. ww.